#23: …Wham! I Wish I Was Your Lover…

Liebes Tagebuch,

meine liebe Freundin Florentine hat mir vorgestern beiläufig am Telefon erzählt, sie habe jetzt mal ihre Weihnachtsdeko abgebaut. Ich fand das ziemlich beeindruckend, dass sie diese Weihnachtsstimmung ganz entspannt noch über zwei Wochen konservieren konnte. Irgendwie hat mich das beruhigt, weil ich meine Weihnachtsimpressionen immer noch unaufgeschrieben mit mir rumtrage. Aber jetzt ist auch mal wieder gut. Aaaalso…

Liebes Tagebuch,

eigentlich wollte ich diesen Eintrag ja „Wham! I Wish I Was Your Lover“ nennen. Aber dann ist George Michael gestorben. Jetzt ist der Titel immer noch derselbe, aber einfach nicht mehr der gleiche.

Fangen wir jedoch von vorn an. Ab Ende November findet in meinem ungewaschenen Herzchen jedes Jahr dieses ambivalente Tänzchen statt. Einerseits und insgeheim möchte ich Weihnachten schon ziemlich gern gut finden. Ich stehe voll auf diese ganze gezwungene Betulichkeit und offen ausgetobte Harmoniesucht. Das hat so was bedingungslos Emotionales, aber ist trotzdem neurotisch-modern. Außerdem gilt Weihnachten gemeinhin als das höchste Fest des Konsums. Für mich als verhinderte Königin der Hobby-BWLerInnen könnte das also die Party des Jahres sein. Allerdings ist es auch das Fest der Familie. Das erschwert die Sache wieder deutlich.

Ich hatte dir schon mal von meinen Eltern erzählt. Im Prinzip sind die beiden das ganze Jahr anstrengend. Meine Mutter vermeidet alles Positive – für alle – um keine unnötig hohen Erwartungen ans Leben zu wecken. „Wenn’s Spaß macht, dann macht man irgendwas falsch“, könnte auf der Fußmatte vor meinem Elternhaus stehen und diese imaginäre Fußmatte ist Programm bis heute. Ich wusste nie, ob die Streitereien, die dadurch regelmäßig zwischen uns beiden entbrannten, zu ihrem Masterplan gehörten oder eher ihr Kollateral…geschenk waren.

Mein Vater wiederum war auch in seinem erwachsenen Alter noch ein Kind des Friedens oder was das im Hause Schröder bedeutete: der passiven Aggressivität. Er weicht bis heute nicht von der Überzeugung ab, sein niemals versiegender, jungenhafter Charme wäre bei wirklich jedem Konflikt das Allheilmittel und hielt mit beeindruckender Beharrlichkeit daran fest, jeder, aber auch wirklich jeder Konflikt ließe sich konsequent und wenn nötig auch gewaltbereit wegschmunzeln. Ich bin wirklich eine Freundin der Theorie, etwas stur durch zu behaupten, wird als Stilmittel zu Unrecht unterschätzt, aber mein Vater erreichte absurde Dimensionen und buchstabierte die schmale Grenze zwischen idealistisch und manisch immer wieder neu. Ich bringe es nie über’s Herz, ihm das zu sagen. Das übernimmt meine Mutter dafür umso lauter und mit wesentlich mehr Nachdruck. Ich glaube, bei uns im Call Center bezeichnet man das als ‚verbindlich‘.

Aber nun, ich schätze, es ist unnötig zu sagen, dass Weihnachten diese Gesamtstimmung nur noch potenzierte. Die drei Feiertage bedeuteten für meine Eltern ihre marode Ehe plus 72 Stunden Zeit. Meine Mutter keifte, während mein Vater simultan versuchte, sie unter martialischem Geschmunzel blutig zu kuscheln. Dieses Schauspiel ereignete sich allweihnachtlich wieder bei uns daheim im Herzen der Uckermark, Irgendwo zwischen Nordpol und Nordpolen.

Ich war zwar immer dabei, aber dennoch kein Teil des ganzen Spektakels. Damals rauchte ich noch nicht und musste irgend wie anders bewirken, nicht untätig oder ratlos herumzustehen. Deshalb starrte ich einfach in den Fernseher. Weil’s Weihnachten war, lief statistisch gesehen jedes Mal das Video „Last Christmas“. Tagebuch, nenn’ es klassische Kondition oder ehrliche Gefühle, aber ich war völlig besessen von dieser Wham!-Winter-Wunderwelt.

Natürlich entging das meiner Mutter nicht und sie verbannte das Lied aus dem Tages-TV- und Radioprogramm. Ich habe keinerlei Erklärung dafür, wie meine Mutter es hinbekommen hat, tagsüber die Ausstrahlung von „Last Christmas“ zu stoppen (Und warum nur tagsüber?), aber wie schon gesagt, halte ich Durchbehaupten für eine legitime, vollwertige Erzählperspektive. Genauso übrigens wie das selektive Gedächtnis.

Egal, „Last Christmas“ war offiziell tabu. Zu fröhlich, ebenfalls würde es – so fand meine Mutter zusätzlich – Weihnachten zu sehr vermenschlichen. Näheres weiß ich zu dieser These allerdings auch nicht.

Um uns vollends zu deprimieren, dröhnte uns Mutti stattdessen mit „Stille Nacht“ und dem Weihnachtssampler von Boney M. zu, während ich mir nachts unter der Bettdecke immer wieder diese Offenbarung von Musikvideo reinzog. Ich stellte mir vor, ein Mitglied dieser – wie ich fand – coolsten Clique aller Zeiten zu sein. Am besten wäre ich die mit den brünetten Locken, dachte ich mir. Die habe ich ja eh schon. Da hätten die in der Maske dann nicht mehr soviel zu tun. Außerdem ist das die, die George Michael später abkriegt. In diesem Video war er offiziell noch hetero. Das reichte mir für die Dramaturgie meiner Träumerein völlig aus. Ich müsste mich halt einfach aus den ganzen verschrobenen Mind Games der anderen raushalten. Auf diese Weise könnten das die schönsten Weihnachten meines Lebens werden. Und ich hätte es für die Nachwelt sogar auf Video.

Liebes Tagebuch, ich glaube also, ich bin wirklich nicht pathetisch, wenn ich sage, dass mit George Michael mein ganz persönlicher Weihnachtsmann gestorben ist. Er hatte vielleicht kein Volumen in seinem Rauschebart, dafür aber in der Föhnfrisur. Santa Clause setzte mit seiner Frage: „Und warst du das ganze Jahr auch schön brav (und hast dir dein Geschenk verdient)?“ ganz autoritär auf emotionale Erpressung und das Leistungsprinzip. George hatte dafür einen großen Sack voller Freiheit und Toleranz und dazu ein Herz aus Hundewelpen. Und vielleicht hatte keine Rentiere, aber dafür Elton John als Kumpel, was ja wohl viel, viel cooler ist.

Ich muss dazu sagen, es gibt da diese unausgesprochene Wahrheit zwischen Edgar und mir. Du weißt, Tagebuch, ich bin in die kleine chaotische Dunkelelfe verliebt wie am ersten Tag, so menschlich und unanatomisch und von allen Arbeitskollegen und -kolleginnen ist er mir mit Abstand der liebste. Aber sollte Elton John jemals anfangen, bei uns im Call Center zu arbeiten, sieht’s echt schlecht aus für Edgar.  Elton John und ich hätten zum Beispiel diesen lustigen Insider-Witz. Wir würden uns – so zum Schein – immer wieder wegen seines Songs „Your Song“ in die Wolle kriegen. Und keiner von den anderen wüsste, ob wir darüber streiten, wie der Song heißt oder wem er gehörte (*grins und zwinker): „It’s „Your Song“!“ – „No, it’s „Your Song“!!“ Hach, das wäre so geistreich von uns. Und durchaus eine Unterhaltung, die genauso stattgefunden haben könnte.

Doch um meine kleine Geschichte mit George Michael in eine Nussschale zu packen: ich habe vielleicht bei „Freedom ’90“ noch nie den Drang nach euphorischer Selbstrevolution gehabt, auch habe ich zu „Careless Whisper“ noch nie rumgeknutscht (Obwohl ich mir gerade letzteres ganz schön cool vorstellen könnte auf so eine 80er-Jahre-Art und Weise. Auch wenn ich zu diesem Lied eine ganze Weile nicht mehr tanzen können werde, denn nicht nur schuldige, auch traurige Füße haben keinen Rhythmus.)„Father Figure“ war übrigens eher so Edgars Ding und auch sein Christmas Song Nummer 1. Er hat diese äußerst seltsame emotionale Bindung zum Weihnachtsmann als gleichzeitig väterlichem Typ und wohlhabendem Gönner. Ich möchte darüber nicht zu sehr nachdenken, doch ich urteile nicht, ich urteile nicht. Aber egal und Goddamn! „Last — but not least — Christmas!“ hat bei mir noch immer das Bedürfnis nach Glückseligkeit, die Bemühung um Harmonie und Sachgeschenken ausgelöst. Sogar an Weihnachten.

In diesem Sinne frohe Weihnachten nachträglich und herzallerliebste Grüße, Celebrity Jane

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6 Kommentare zu „#23: …Wham! I Wish I Was Your Lover…

  1. Schön, sehr schön.

    Ich komme wohl direkt aus dem Auenland. Bei uns ist Weihnachten noch nie gestritten worden und stressig war es auch nie. Mal abgesehen von der vorherigen Putzerei, falls die Sause samt angereisten Muttertier bei mir stattfindet. Wir liegen so rum, sind pappesatt und meine Mutter sagt als Ausdruck ihres Wohlgefühls immer „Jetzt einfach umfallen und stinken!“ Ein schönes Weihnachtsmotto, wie ich finde. Musikalisch haben wir uns durch die Bank und alle Generationen auf Frank Sinatra geeinigt. Selbst das allerneueste Familien-Baby bewegt sich gekonnt zu „Have yourself a merry little Christmas“.

    „Last Christmas“ war nie mein Favorit, sondern „Driving home for Christmas“, aber das war vor Sinatra.

    1. Hallo Annika,
      ::
      doch, „Last Christmas“ haben Celebrity Jane und ich definitiv gemeinsam. Bei „Have Yourself A Merry Little Christmas“ bin ich voll auf deiner Seite, bei „Driving Home For Christmas“ habe ich wiederum gemischte Gefühle.
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      Mein Weihnachten ist zum Glück auch wesentlich harmonischer als dieses hier. Statt Binge-Eating gibt’s bei uns eher Binge-Watching, also endlich mal genug Zeit, sich eine dieser neuen In-Serien nach der nächsten reinzuziehen. Und dazu wird stilecht gefachsimpelt, gemutmaßt und gestrickt. Aber das Umfallen und Stinken klingt definitiv auch nach etwas, was man dringend mal ausprobieren sollte.
      ::
      So denn, noch einen schönen (Feier-)Abend und mittlerweile wieder Grüße aus dem nun winter-matsch-weißen Berlin.
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      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    jetzt sind schon wieder Monate vergangen und Ostern steht vor der Tür. Ein weiteres Fest (das mir ehrlich gesagt wumpe ist), aber dir vielleicht nicht und daher einer näheren Erörterung würdig ist. Ich würde mich freuen, recht bald wieder etwas von dir zu lesen.
    Herzlich, Annika

    1. Guten Abend liebe Annika,
      ::
      mittlerweile lasse ich mir eigentlich eher soviel Zeit, um in regelmäßigen Abständen mal wieder mit dir zu kommunizieren. 😉
      ::
      Aber abgesehen davon gab’s zu Beginn des Jahres so ein paar große Baustellen bei mir, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass es schon wieder so lange her ist mit dem Blog. Aber Ostern ist zeitlich vielleicht ein realistischer Zeitraum. Also mal sehen, was die Notizen bis dahin so hergeben.
      ::
      Ostern steht bei mir übrigens synonym mit Frühlingsanfang und der ist meine persönliche Lieblingsjahreszeit.
      ::
      Einen schönen Feierabend dir und viele Grüße von Claudia

  3. Ja, der Frühling lässt dieser Tage aber verdammt auf sich warten. Der scheint alle Zeit der Welt zu haben.

    Gestern hatten wir einen ekelhaft novembrigen Tag mit Sturm und allem Pipapo, die Bäume flogen mir nur so um die Ohren. Ich war mal wieder in meinem Lieblings Wellnesstempel und als ich draußen schwimmen war, war es mir über Stunden nicht möglich, das Wasser wieder zu verlassen. Zu groß die Angst vor dieser eisigen Kälte. Als ich schon Schwimmhäute hatte, erbarmte sich meine Begleitung, mich am Treppchen mit einem Handtuch zu erwarten. Sonst würde ich immer noch schwimmen.
    Heute ist es auch nicht viel besser. Aber wem sage ich das?

    2017 scheint das Jahr der Baustellen zu sein. Man munkelt, schlimmer als 2016 kann es nicht werden, aber schlimmer geht immer. Ich hoffe, es ist nicht allzu arg bei dir.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag dir, Annika

    1. Guten Abend Annika,
      ::
      ein sehr schönes Bild, das Wasser einfach nicht zu verlassen, um der Kälte auf seine ganz eigene Art und Weise zu trotzen. Aber wie’s so aussieht, gibt’s wohl doch ein paar Tage Gelegenheit, das doch noch auszuprobieren.
      ::
      So ein bisschen Winterende finde ich eigentlich immer noch okay. Da kann ich dann noch die letzten Drinnen-Sachen erledigen, die im Sommer entweder langweilig oder der Sonne gegenüber undankbar erscheinen. Den DVD-Stapel abarbeiten und Sachen und Dinge nach Alphabet zu sortieren.
      ::
      Die Baustelligkeit ist zum Glück selbst gemacht. Die musste eben mal sein, damit es danach schöner und besser wird. Deshalb lässt die sich sehr gut ertragen.
      ::
      Aber nun, Annika, hab‘ noch einen schönen Abend, schlaf‘ gut und danach ist ja schon wieder fast Wochenende.
      ::
      Viele Grüße, Claudia

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