#22: …Weird Is The Wind…

(Edgar)

Liebes Tagebuch,

ich habe mit meinem neuen Eintrag extra getrödelt, weil ich dachte, dass das Thema dann schon wieder out ist. Aber es hört einfach nicht auf. Donald Trump, dieser möhrenfarbene Mensch, und sein We Tan-Clan haben es tatsächlich geschafft und lösen Barack Obama ab. Celebrity Jane steht immer noch unter Schock und möchte die Nachrichten dieser Tage für die verspätete Halloween-Episode von „Orange Is The New Black“ halten. Ich hingegen bin und bleibe hemmungsloser Positivdenker und finde, dass es zumindest für eine gewisse Weltoffenheit der Trump-Wähler- und -Wählerinnen spricht, dass sie sich wieder für einen Farbigen entschieden haben. Allerdings ist Positivdenken dafür vielleicht nicht das richtige Wort. Verdrängung trifft es eventuell besser.

Ich habe auch keine Ahnung, wie ich diese Woche hinter mich gebracht habe. Erst die Trump-Wahl, als ich dachte, dass ich’s fast geschafft hätte, kam auch noch der Tod von Leonard Cohen. Im Nachhinein steht diese Woche stellvertretend für das ganze Jahr 2016. Irgendwo erfährt die freie Welt durch eine demokratische Wahl einen gefährlichen Rechtsruck, ein unberechenbarer Despot reißt unter Ankündigung diktatorischer Maßnahmen die Macht an sich und dann stirbt auch noch eine Legende. Tja, wenigstens wieder ein freundlicher Geist mehr.

2017 wirkt für mich schon jetzt wie eine Fortsetzung von 2016. The Saga continues. Ich werde nicht müde zu betonen: wenn selbst ich bemerke, dass in der Welt um mich herum Politik passiert, dann muss sie schon echt auffallen. Nächstes Jahr gehe ich natürlich trotzdem zur Bundestagswahl. Aber wenn Trump da auch gewinnt, wandere ich wie die US-Bürger aus nach Kanada. Die sollen ja echt eine sagenhafte Landschaft haben in dem Land. Und Donald Trump weiß garantiert nicht, wo es liegt.

Ich habe vorgestern erst gelesen, dass er sogar ein Problem mit Wind hat. Auch jenseits der erneuerbaren Energien. Er hält Wind einfach für nicht vertrauenswürdig. Auf menschlicher Ebene ist das eins der wenigen Dinge, die ich aus Trumps Sicht nachvollziehen kann, oder zumindest aus der Sicht seiner Frisur (aha, jetzt weiß ich auch endlich wie es ist, einen Witz über Trumps Haare zu machen. Naja … geht so).

Doch auch, wenn er nicht mitmischt, wird’s in Deutschland zur nächsten Wahl nicht langweilig. Zwar ein bisschen vorhersehbar, dafür wurden die Parteien ganz originell zusammengecastet.

Okay, ich beschäftige mich wirklich noch nicht lange mit dem Thema, aber was ich bis jetzt beobachtet habe, ist, dass Menschen offenbar dazu neigen, in Zeiten von globaler Unsicherheit und Unübersichtlichkeit immer wieder zu den Extremen, also nach rechts oder nach links.

Aber jetzt mal ehrlich, mal genau hingesehen, dann gibt es doch noch eine dritte Tendenz. Ist dir schon mal aufgefallen, Tagebuch, dass es in solchen Zeiten nicht nur an den politischen Rändern boomt, sondern ebenso in der Unterhaltungs- und Literaturindustrie? Und da zwar nicht irgendwo, sondern in dieser ganz bestimmten Sparte. Nämlich dort, wo es um die sagenhafte Welt von so kleinen englischen Zauberern geht oder um die spannenden, aber ebenfalls erotischen Abenteuer von Vampiren und manchmal auch um einen ganz normalen Tag im Leben von Jennifer Lawrence. In anderen Worten: Fantasy. Mit Fantasy bekommst du in Krisenzeiten aus Gründen der unterhaltsamen Ablenkung die Kinosäle voll und die Regale in Buchhandlungen leer.

Wenn man es so betrachtet, gibt es also drei extreme Strömungen: links, rechts und Fantasy. Die Gretchenfrage, die sich daraus ergibt, ist wahrscheinlich so naiv, dass sie sich aus Angst vor einer Blamage niemand zu fragen traut: warum gibt es im Deutschen Bundestag eigentlich keine Fantasy-Partei? Aber schon während ich mich diese Frage laut aufschreiben sehe, fällt mir die Antwort ein. Das läge zu nahe. Da fehlte es einfach an Raffinesse. Und am nötigen Pep.

Hingegen eine menschenverachtende und gefährliche Hetzpartei zu gründen und sich inhaltlich vom Symptom zur Diagnose erheben zu wollen, ist politisch und moralisch vielleicht höchst problematisch (und vor allem unmoralisch), aber man muss zugeben, es ist um die Ecke gedacht. Allerdings ist das so exakt oder so unselbstgefällig, wie wenn ich dir versuche, meine Verdrängung als positives Denken unterzujubeln. Aber ich glaube, zu diesem Thema wurde schon so viel gesagt und wird auch noch so viel gesagt werden. Ich spar’ mich einfach auf für den Moment, in dem den Menschen dazu nichts mehr einfällt.

Wo waren wir also stehen geblieben? Genau, rechts, links oder Fantasy. Was macht man aber nun, wenn man – wie ich – zu homosexuell und zu kinderlos ist, um derlei braunen Visionen zu frönen oder die fachliche Ausbildung und vor allem der Wille fehlt, um Einhornhirte in der Uckermark zu werden, aber die aktuelle Lage dennoch irgendwie aushalten muss?

Gott sei Dank bin ich gerade für solche Situationen unter anderem auch Optimist, aber vor allem ein sehr oberflächlicher Mensch. Nicht, was du denkst, also nicht so eitel-oberflächlich oder ironisch-oberflächlich oder sogar arrogant-oberflächlich. Nö, einfach nur oberflächlich. Man könnte glatt behaupten, selbst beim Oberflächlichen schaffe ich es noch, oberflächlich zu sein. Unterflächlichkeit wird man mir jedenfalls nie vorwerfen können. Zumindest nicht, wenn alles gut läuft.

Aber was stellt man nun an mit dieser Superkraft? Zuerst einmal schlägt man mit ruhigem Gewissen die Zeitung zu und stellt die TV-Berichterstattung im Fernseher ab. Das Leben ist zu kurz, um sich ständig zu fragen, was alles passieren könnte und irgendwie auch zu lang, um sich ständig zu sorgen und zu ängstigen.

Natürlich hat die Situation hier das Zeug, um richtig nach hinten bzw. nach rechts loszugehen, während man selbst nur ohnmächtig daneben steht. Aber dann denke ich mir immer: Wenn du sowieso nicht mehr weißt, was du noch machen sollst, dann mach’ doch einfach, was du willst. Hauptsache, du bleibst anständig dabei. Okay, ich gebe zu, der letzte Satz ist von mir dazu gemogelt. Aber Tagebuch, glaub’ mir als oberflächlichem Menschen da ruhig, Anstand sieht im Zweifelsfall halt einfach cooler aus.

Tja, also wenn’s richtig doof läuft, drückt Trump den roten Knopf, wenn Trump nicht den roten Knopf drückt, kriegen wir später dafür keine Rente mehr, aber hey, im Best Case Szenario können wir eines fernen Tages immer noch als Legende sterben. Den Job muss ja schließlich auch jemand erledigen.

So denn, nachträglich einen schönen ersten Advent und bis bald mal wieder, Tagebuch.

Dein Freund Edgar

 

Advertisements

15 Kommentare zu „#22: …Weird Is The Wind…

  1. Ja, lieber Edgar – Dir auch einen schönen Advent. Welchen auch immer.

    Die Diagnose ist ja nicht schlecht, nur etwas oberflächlich, aber das sagtest Du ja bereits. Ich für meinen Teil denke ja – und ich bin nicht weniger oberflächlich, wenn auch eher aus Faulheit -, daß die Gründung einer menschenverachtende und gefährliche Hetzpartei unter anderem darin zu suchen sind, weil es in unseren Parlamenten keine Rechten oder Linken gibt. Nur alternativlose Mitte. Selbst wenn man die Augen öffnen würde, wenn einer von denen wieder einmal grundsatzredet, könnte man sich doch nur an das Kleid oder die schiefgebundene, unpassende Krawatte erinnern. Da ist keiner mit brauner Uniform mit Armbinde oder jemand mit roter Krawallmütze, die sich gegenseitig anbrüllen.

    Unser ehemaliger Bundespräsident v. Weizsäcker bemerkte 1992 sinngemäß zu den Parteien im Bundestag: Sie sind machtversessen, sie haben den Auftrag des Grundgesetzes, an der politischen Willensbildung mitzuwirken, ganz ungebührlich ausgeweitet und den Staat zum Instrument ihrer Machtinteressen verkommen lassen. Folgt man dem Bundespräsidenten, dann ist es wie mit dem Hasen und dem Igel – wohin man auch kommt, die Parteien sind immer schon da, auch wenn man gar nicht mit ihnen rechnet. Alle gesellschaftlichen Einrichtungen sind parteienverseucht, bis hin zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und selbst die Staatsverwaltung kann sich auf ihre parteienferne oft wenig zugute halten. Und auf der anderen Seite – wie mittelmäßig ist doch das Personal, das uns die Parteien zur Bekleidung der Staatsämter präsentieren! Kleinkarierter Zank und Schielen nach Wählerstimmen, wo doch politische Vision und geistige Führung gefordert sind!

    Leider hat niemand darauf gehört. Das heißt: So ganz richtig ist das nicht! Fantasy-Parteien gibt es ja mittlerweile wie Sand am Meer. Kinderbuchsäubern von N-Worten, politisch korrekter Kinderwagenterror oder nur noch Bio-Obst in die richtige Tonne schmeißen. Millionen von Kleinstparteien, die so mit sich selber beschäftigt sind, daß sie einen Krieg nur daran bemerken würden, wenn ein Panzer statt des UPS-Autos den Fahrradweg blockiert. Von wegen keine Fantasy-Parteien…

    Man sollte den Unterhaltungsfaktor von Politik nie unterschätzen. Und wenn das Unterhaltungsprogramm von RTL am frühen Nachmittag lustiger als eine Rauferei im Bundestag ist, gucken die Leut’ eben Biene Maja und halten Günther Jauch für den Bundespräsidenten. Wenn der Pausenclown nicht lustig ist, geht man eben wieder aus dem Zelt und bastelt statt dessen mit den Kindern Weihnachtssterne. Oder gründet eine menschenverachtende, faschistoide Partei, bei der es richtig fetzig zugeht. So ist das im Leben. Guter Sex und Dosenbier, das wäre wohl die Lösung.

    Wäre ich politisch so unkorrekt, wie ich wahrscheinlich bin, würde ich ja den Zuzug von menschenverachtenden und gefährlichen Parteien in den Bundestag begrüßen. Man unterschätze nicht die Wirkung eines abschreckenden Beispieles. Aber leider verwechseln das viele auch nur mit Unterhaltung.

    Na ja… jedenfalls wünsche ich Dir noch viel Advent und so, wenig Panzer auf dem Parkstreifen und einen sonnigen Winter in Berlin.

    Das Pantoufle

  2. Hallo Pantoufle,
    ::
    vielen Dank für den Kommentar. Ja, das ist in der Tat eine ziemlich oberflächliche und eigene Meinung aus Edgars Köpfchen. Aber so war es ja im Prinzip auch gedacht. Von daher erhebt dieser Text auch gar nicht den Anspruch, eine lang durchdachte und tief greifende Expertise zu sein.
    ::
    Was die alternativlose Mitte, den Aufstieg menschenverachtender und gefährlicher Hetzparteien betrifft und die Frage, warum die nächste Bundestagswahl komplizierter denn je werden wird (und diesmal wirklich), fürchte ich, dass das alles noch viel komplexer und kleinteiliger ist, als wir oberflächlichen Menschen uns das vorstellen können.
    ::
    Aber nun kommt erstmal der dritte Advent. Dafür alles Gute aus Berlin.
    ::
    Claudia

  3. Halle, schlechter Sex und Dosenbier.
    Wie war Dein Weihnachten? Nicht, daß Du jetzt lang und breit darüber schreiben sollst. Nur mal so… aus Höflichkeit nachgefragt. Natürlich kannst Du auch darüber schreiben. Wenn Du willst. Ostern ist ganz nebenbei auch ein gute Thema. Liegt ja auch geradezu vor der Türe, wenn man mal Silvester vergisst. Oder meinen Geburtstag, der jetzt allerdings schon etwas zurückliegt. Ja, ja!
    Ich hab ja auch im Moment Schreibschokolade oder wie das heißt. Das heißt natürlich nicht, daß das allen so gehen muß.
    Um zurück auf meine Frage zu kommen: Wie geht’s denn so? Schreib doch mal was drüber.

  4. Hallo pantoufle,
    ::
    dann erst einmal alles Gute zum Geburtstag nachträglich. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich doch früher gratuliert.
    ::
    Mein Weihnachten war schön, ich hoffe deins ebenfalls. Der nächste Text ist in Arbeit. In der Tat hatte der allerdings eine äußerst George Michael-lastige Überschrift. Deshalb muss ich den noch einmal umarbeiten.
    ::
    So denn, gute Besserung für die Schreibblockade und einen schönen Dezemberabend von Claudia

  5. Liebe Claudia, ich wünsche mir allerdings ganz besonders einen Text über George Michael. Es ginge aber auch über etwas oder jemand anderen. Hauptsache, ich kann wieder etwas von dir lesen.
    Ich wünsche dir ein wunderbares neues Jahr und hoffe, dass du mit dem novembern dann langsam wieder aufhören kannst und wenn wir alle morgen Früh aufwachen, soll ja sogar Schnee liegen. Ist das nicht inspirierend?
    Liebe Grüße von Annika

    1. Hallo Annika,
      ::
      dir ebenfalls ein wunderbares neues Jahr. Jetzt bin ich gerade gar nicht in Berlin und weiß nicht, ob da seit heute nach dem Aufwachen Schnee liegt.
      ::
      Ja, es ist mir irgendwie ein besonderes Bedürfnis, George Michael zu beschreiben. Ich glaube, der und Prince haben mich 2016 am härtesten erwischt.
      ::
      Dann habe einen schönen Abend und sei herzlich gegrüßt aus der schneeunbedeckten Uckermark von Claudia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s