#21: …What’s True, Pussycat?…

(Celebrity Jane)

Liebes Tagebuch,

ich weiß, es ist schon eine Weile her und wahrscheinlich sind wir schon wieder beim „Sie“, aber trotzdem dachte ich, es sei mal wieder an der Zeit.

Aber was soll ich sagen, es ist auch einfach nichts passiert. Mein Name ist immer noch ziemlich beknackt und ich bin immer noch so furchterregend niedlich, Delfine würden mit mir schwimmen wollen. Zudem arbeite ich immer noch im Call Center, wobei das Call Center wohl eher in mir arbeitet, wie man so schön sagt. Und meine Befindlichkeit, nun ja, die schwankt comme d’habitude zwischen obsessiver Deprimiertheit und betulicher Depression. Tja, und das isses eigentlich auch schon. Aber versuchen wir’s mal optimistisch zu sehen: auch morgen wird die Sonne wieder aufgehen… und dann wird er wieder wie gestern sein. Tjaja, wenn man’s genau betrachtet, dann ist mein Leben wie der Film „Zurück in die Zukunft“. Nur ohne Zurück. Und ohne Zukunft.

Saisonal begründet investiere ich zusätzlich viel Zeit damit, den sprichwörtlichen Blues zu haben. Bereits die letzten Oktobertage habe ich fleißig damit verbracht, das Novembern zu üben und nun ist es endlich soweit. Professionell und mit virtuoser Leichtigkeit kann ich jetzt mühelos bis mindestens März melancholisch sein. Mir geht’s also schlecht, aber auf so eine gute Art und Weise. Ist der Herbst nun dunkelweiß oder hellschwarz? Allein die Frage schon macht mich nachdenklich und im Zweifelsfall traurig?

Sogar Edgar ist dieser Tage für seine Verhältnisse fast ein bisschen schwermütig. Genauer gesagt, seit er sich aus Versehen und ohne sein Wissen mit dem Thema Politik beschäftigt hat. Nein, politisches Bewusstsein kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Um’s mal ganz deutlich zu sagen, mit Politik kennt er sich so wenig aus, er weiß noch nicht einmal wie man SPD buchstabiert.

Umso mehr Ahnung hingegen hat er von der faszinierenden Welt der Promis in ihrer natürlichen Umgebung. Seit Wochen und Monaten kann man diese ursprünglichen Instinktwesen dabei beobachten, wie sie Rudel bildeten und wie Rehe oder Lemminge nach Washington flüchten. Ihr zarter Gesang, ihre elaborierten Drehbuchrezitationen und ihre sorgsam hergemachten, porenfreien Gesichter mussten seitdem einer ernsten Miene und ernsten Reden weichen.

Schon ziemlich von Anfang an hat Edgar gemerkt, dass da etwas nicht stimmen kann. Aber obwohl er diesen kryptischen Habitus immer noch nicht nachvollziehen kann, hat er seine kleinen Berühmtheiten nicht aufgegeben. Schließlich folgt er seit Jahren einem bestimmten Credo, dass er mir eines Tages mal verraten hatte: „Weißt du, Celebrity Jane, im Grunde ihres Herzens wollen auch Promis nur geliebt werden.“ Weil sie auch nicht weniger wollen, dass man ihnen zuhört, hat sich Edgar nun in aktuelle Themen vertieft, um das seltsame, kämpferische Kauderwelsch von Beyoncé und Co. zu verstehen. Dabei ist er auf den US-Wahlkampf gestoßen, der wohl angeblich gerade vor sich geht.

Das ganze Theater um Hillary Clinton hat er gleich bleiben lassen. Das ist ihm einfach zu komplex. Aber nicht so, wie du denkst, liebes Tagebuch, du und geschätzt der Rest der Welt fragen sich vielleicht, ob sie ein Teil der hellen oder der dunklen Macht ist. Edgar allerdings fehlt schon die Aufmerksamkeitsspanne, um die Unterschiede zwischen Hillary und Bill Clinton ausfindig zu machen, ganz zu schweigen zwischen Hillary Clinton und George Clinton (ach komm, Tagebuch, so ein bisschen Name Dropping lockert den Text doch gleich etwas auf).

Wesentlich einfacher strukturiert erschien ihm zumindest zunächst Donald Trump. Donald Trump ist eher einer der Typen, denen es immer gut geht, aber auf so eine schlechte Art und Weise.

Für Edgar reichte es schon, dass Trump viele Promis kennt und ist darüber hinaus so sehr mit der Farbbestimmung dessen Teints abgelenkt, dass er eigentlich nur Bruchteile von dem mitbekommen hat, was Agent Orange Trump da die ganze Zeit redet. Kurzum und wenn auch in verschiedenen Zusammenhängen: Edgar verstand nur „Pussy“.

Bereits bei der „Grab Them By The Pussy“-Nummer war schnell geklärt, warum Trump trotz seiner freundschaftlichen Connections zu den Stars, menschlich nicht so cool ist, obwohl er in den letzten Wochen nicht müde wurde, seinen Respekt vor Frauen in der Presse zu betonen. Aber jemanden einfach und ohne sein bzw. ihr Einverständnis in den Schritt zu fassen, sei es auch noch so respektvoll gemeint, ist nun mal menschenverachtend und wenn man so will, auch ganz schön kriminell. Nicht so menschenverachtend und kriminell, wie seinen E-Mail-Acount nicht im Griff zu haben, aber immerhin.

Edgar waren diese Details bis gerade eben noch neu gewesen. Wenn er das früher gewusst hätte, hätte er sein Herz natürlich nie an Trump gehängt. Doch mittlerweile ist ihm die Sache um einiges klarer und er kann diesen riesigen Shitstorm – oder wie Trump vermutlich sagen würde: „Slitstorm“ – wirklich sehr gut nachvollziehen.

Punkt zwei in meiner Aufklärungskampagne ist definitiv der schwierigere. Auch in Trumps Rhetorik spielte und spielt der Begriff „Pussy“ eine äußerst dominante Rolle.

Allein an dieser Tatsache fand Edgar zunächst nichts Verwerfliches. In seinem Leben wurde er schon so einige Male als „Pussy“ bezeichnet. Allerdings betrachtet Edgar eine Pussy seit jeher als hochkomplexes, hochsensibles und hochanspruchsvolles Organ. Deshalb hatte er das immer als Kompliment verstanden.

Donald Trump hingegen ist da etwas anders gestrickt, wie mein lieber Freund Edgar nun doch erkennen muss. Eine Pussy ist für ihn schon jemand, der ein wenig durch leichtes Anderssein (als Trump) auffällt, zum Beispiel weil er hochkomplex, hochsensibel und hochanspruchsvoll ist oder eine Frau oder homosexuell. Im Prinzip ist das ziemlich vergleichbar mit den Fünfzigern, als in den USA irgendwie Andersdenkende erstmal der Übersichtlichkeit halber als Kommunisten stigmatisiert wurden. Nur anstatt als „Commies“ nimmt Trump erstmal alles und jeden als Pussies unter Generalverdacht. In zukünftigen Geschichtsbüchern könnte ich mir das aber ganz schön vorstellen: „Hillary Diane Rodham Clinton, frühere US-Präsidentschaftskandidatin, später als Pussy verfolgt und verurteilt.“

Aber mal zu was anderem. Mir fällt schon seit Längerem auf, dass der Begriff „Pussy“ nicht nur Frauen beleidigen soll, sondern auch Schwule und rückratlose Männer. Das halte ich das für Diskriminierung und Benachteiligung. Das sage ich jetzt allerdings nicht als Feministin, sondern als Einzelkind. Alle haben ihr eigenes Schimpfwort. Nur Frauen sollen sich das ihre mit den Schwulen und den Waschlappen teilen. Naja, und mit Katzen vielleicht, aber diese Diskussion geht jetzt wirklich zu weit. Schwule haben Hinterlader,  Waschlappen haben Weicheier, Lesben haben Kerle, Ausländer haben … naja, dafür müsste man jetzt eher mal in den Tagebüchern von Oettinger und Heinrich Lübke schmökern. Nur wir Frauen gucken in die Röhre. Naja gut, es gibt noch „Weiber“ und „Alte“, aber das sind eher abwertende Synonyme. Kreativität und detailverliebte Bildhaftigkeit sind also wirklich was anderes.

Oh Mann, wann in aller Welt sind Beschimpfungen denn so politisch geworden? Und so demütigend und menschenfeindlich? Beleidigend okay, dazu sind Beschimpfungen schließlich da. Katharsis, bitches! – darum geht es. Kurz mal brüllen, im Affekt was Falsches sagen und dann entspannt sein. So war das mal gedacht.

Beleidigungen wird es also immer geben, deshalb sollte man die Sache gleich richtig angehen. Und mit etwas mehr Struktur und Planung. Also wenn nicht jeder sein eigenes Wort kriegt, dann kriegen eben alle das selbe. Und ich habe da schon so eine Idee. Es mag ein bisschen altmodisch klingen, aber was ist eigentlich aus dem guten alten ‚Arschloch‘ geworden? Hab’ ich schon so lang nicht gehört. Dabei ist es eigentlich nur logisch. Und fair. Wenn man Menschen schon auf eine bestimmte Körperregion reduzieren möchte, dann deckt man mit diesem Begriff doch wirklich alle Zielgruppen ab, und zwar völlig unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität, Religion etc. Ja, liebes Tagebuch, diese Welt könnte im Nu ein gerechterer und besserer Ort sein, wenn wir doch nur alle wieder Arschlöcher wären. Soviel mal dazu.

Das war’s für heute, vielen Dank für’s Mitlesen, liebes Tagebuch und einen schönen Wahlabend.

Herzallerliebst, Celebrity Jane

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16 Kommentare zu „#21: …What’s True, Pussycat?…

  1. Moin Celebrity Jane

    Schon besser. Das erleichtert die Navigation deutlich. Aber an dieser Stelle der Hinweis eines Behinderten: Serifen in einem warmen hellgrau können von Menschen wie mir, dem das Alter auf die Augen schlägt, nur schlecht gelesen werden. Das mag denjenigen, die jung, brillenlos und furchterregend niedlich sind, zart und fein aussehen – weitsichtigen, schon halb vermoderten Pantouflen bleibt nichts anderes, als sich die Texte zu kopieren und sie in einer Textverarbeitung in schwarzem Liberation Sans darzustellen. Oder Antiqua.
    Jedenfalls schwarz.
    Aber die Geschmäcker sind natürlich verschieden.

    Mit freundlichen Grüßen

    das Pantoufle

    1. Hallo Tikerscherk,
      ::
      oh vielen Dank. Das freut mich echt. Und macht mich auch ein bisschen verlegen und auch ein bisschen stolz. 🙂 Bei dir ist es eben auch ohne Fiktion schon ziemlich ereignisreich und lesenswert und berührend, ich für meinen Teil muss mir halt immer was ausdenken.
      ::
      Ich habe nach dem letzten Text fleißig weiter geschrieben. Also heute bis Sonntag soll es soweit sein.
      ::
      Bis dahin, viele Grüße nach Kreuzberg aus Neukölln und schon mal ein schönes Wochenende.
      ::
      Claudia

      1. Umso bewundernswerter, wenn Du Dir das alles einfallen lassen musst und dabei derart gute Texte rauskommen. Ich hab´s da leichter und muss es nur aufschreiben, mein Katastrophenleben.
        Aber eigentlcih geht´s beim Schreiben doch weniger um die Story, als um den Stil. Mir jedenfalls. Und da bist Du einfach herausragend.

        Morgen ist Sonntag und ich freu mich jetzt schon drauf. Wenn´s dann doch Montag wird is auch jut.
        Neukölln also? Schöne Grüße aus dem Nachbarbezirk!

  2. Ah, ich liebe es, zu beobachten, wie langsam aber sicher dieser subtile Druck aufgebaut wird. Erst mit freundlichen Worten, dann…
    Man kennt das ja: Der Anfang vom Ende! Aber trotzdem immer wieder schön zu sehen. Exemplarisch, was Tikerscherk hier macht, exemplarisch.

    Blogger werden nicht alt, jedenfalls nicht die guten. Wirklich ein jeder kann Katzenbilder posten kann oder schlechte Gedichte absondern, den totlangweiligen Jahresurlaub mit katastrophal unterbelichteten Bildern ohne Weißabgleich verzieren oder gleich wiederkäuen, was andere in langen Nächten geschaffen haben. Rebloggen nennen sie es!

    Aber selber etwas glaubwürdiges schaffen und dazu noch am Fließband, das allerdings ist nicht jedermann und Frau gegeben! Da landet schon manche Katze, Papagei oder der Goldfisch erdrosselt von zitternder Hand auf dem Kehricht. Gestorben, nur um dem von Schaffenskrise gebeutelten Schreiberling ein echtes und nachvollziehbares Gefühl von Ergriffenheit zu geben. Emotionen am eigenen Leib erfahren – koste es was es wolle und sei es durch Mord. Und all das, damit ein dutzend Menschen da draußen es kurz überfliegen und ihr {LIKE} hinwerfen; nein: vor die Füße spucken! Oder noch schlimmer: Es kommentieren! »Wortlos Liebe wärmend wahrnehmend warum dieser Text?« Eine Antwort erwarten sie dann auch noch.

    Man kann das eine geraume Zeit machen, man kann! Eine Wüste von zerschlissenen Freund- und Bekanntschaften hinter sich lassend. Bewußtseinserweiternde Drogen helfen einigen, wenn auch nur begrenzte Zeit und im immer höheren Kontingenten. Nicht diese in Zigaretten gebröselten Kinderglückseliger, bei denen der blöde grinsende Konsument alle halbe Stunde einen einzigen Anschlag auf der Tastatur mit Gelächter kommentiert. Nein, hartes Zeug, künstlich oder synthetisch – ich sage nur Opium! Und das auch nur hinter vorgehaltener Hand! Ältere Blogger wissen, was ich meine.
    Aber all das hilft nur für eine begrenzte Zeit. Dann heißt es nicht mehr »Immer hoffe ich, daß Du wieder was schreibst«, sondern: »Meist werd ich enttäuscht!« Der Beginn des Endes, des unausweichlichen Niederganges. Erst ein wie unabsichtlich fallengelassener Nebensatz im Konjunktiv II, dann die öffentlich-hämische Feststellung der Schaffenskrise, dann…

    Alle, die es einmal gesehen haben, werden die Bilder nicht vergessen. Wenn durch den gütigen Hausmeister die Türen aufgebrochen sind; Szenen eines verwüsteten Lebens. Leere Flaschen, Pizzakartons und das Bettzeug neben der Tastatur und wieder ein Blogger, der an einem Haken (»Bestellen Sie [1] Haken bei Amazon noch heute, Lieferung bis zum 25. Dezember!«) an der Decke im Durchzug der offen Türe schwingt. Man schließt die Augen und sieht die letzten Minuten des Opfers. Das letztes verzweifeltes Streicheln des Adventskranzes der gütigen Mutter, verziert mit Engeln, Seehunden und Marzipan, dann die achtlos aufeinandergestapelten Bücher. »Wordpress leichgemacht« (ha!), »Libreoffice für Dummies« und was der armen Seele in die Hände fiel statt des Stuhles. Nicht noch im letzten Moment dieser Stuhl, der einen wie die eiserne Jungfrau vor den Bildschirm fesselte. Und dann der schreckliche Moment…
    Ein letztes höhnisches »Like« flackerte, der Todeskampf kampfte, das Ende. Grau-en-haft!

    Wann gibt’s denn mal wieder was neues zu lesen? Hier stand ja schon länger nichts mehr. Eine gute Bekannte die selber bloggt, meinte, Du würdest unter Schreibblockade leiden. Sicher nur ein dummes Gerücht!

    Bis dann,
    das Pantoufle

      1. @Pantoufle
        sach mal, alter Freund, wie ist das denn jetzt zu verstehen?
        Von Druck kann doch gar keine Rede sein. Das war brutale und berechnende Erpressung.
        Ich mag das übrigens sehr gerne, wenn Du so ins Schnattern kommst. Falls ich mal wieder anfange Alkohol zu trinken, kippe ich einen Dujardin mit Dir darauf, okie?

        Wenn Du was schreibst freu ich mich auch, vor allem, wenn´s prosaisch wird, dann jubiliere ich sogar.
        Mein Liebling aller Zeiten war ja diese Nummer in dem Redaktionsbüro.
        (na,na, merkste was? )

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