#20: …Decaf For Cutie…

(Edgar)

Liebes Tagebuch,

an meiner äußerst ruhigen Handschrift, meinen ausgeglichenen Gedanken und meiner auffallenden Friedfertigkeit wirst du’s wohl schon erraten haben: Alta, die haben hier keinen einzigen Krümel Kaffee. Ich befinde mich hier an einem Londoner Flughafen. Zuerst habe ich es für ein Gerücht gehalten, dass in England wirklich nur Schwarztee und Bier getrunken wird. aber nachdem ausgerechnet heute, als ich mir hier ein Tässchen des erfrischenden braunen Goldes gönnen wollte, die Kaffeemaschine hinter der Theke des Ladens, wo man unter anderem ein Tässchen Kaffee kaufen konnte, einem „rein zufälligen“ Kurzschluss anheimfiel, fühlte ich mich eines besseren belehrt. Kein Kaffee, ob ohne oder in diesem Falle mit Nachhelfen. Na dann eben nicht … obwohl’s wirklich schöner wär’, wenn doch. Doch so lange heißt es: Edgar Pflaume decaf.

Leider bin ich davon überzeugt, dass Koffein meine geheime Zutat ist, schlimmer noch, das einzig Interessante an mir. Wenn ich schon nicht über herausragende Talente verfüge, die mich eines Tages berühmt machen werden, so glänze ich nach ein paar Kaffee wenigstens durch meine lebhafte und temperamentvolle Art. Für den Status Society-Starlet kannte das durchaus reichen. Mehr war für den Anfang und meine Ambitionen eh nicht drin. Schließlich jobbe ich nebenbei immer noch im Call Center und habe meinen pünktlichen Feierabend um 16:30 Uhr mit den Jahren doch sehr zu schätzen gelernt.

Aber was mache ich eigentlich in London, das wird wohl deine nächste Frage sein, nicht wahr, liebes Tagebuch? Die Antwort liegt auf der Hand: ich fahre weiter nach New York. Im Call Center sind gerade Ferien, und was für den einen Ferien, das bedeutet für den anderen – in diesem Falle mich – Urlaub. Die liebe Celebrity Jane hatte es sich ziemlich einfach gemacht und war bereits nach Schwedt in der Uckermark gefahren. Letztere nennt man ja bekanntlich auch die Toskana der nördlichen Hemisphäre. Wie ich sie kenne, verbringt sie dort ihre Zeit mit Binge Watching, diesem neumodischen Quinoa und damit, an irgend so einem mysteriösen Blog herumzudoktern. Währenddessen wird sie sich mit ziemlicher Sicherheit selbst bemitleiden, weil das alles so ein schreckliches Klischee ist (in New York war sie zu ihrem Pech übrigens leider auch schon). Ich persönlich finde es eigentlich gar nicht so schlimm, ein Klischee zu sein. So weiß man wenigstens immer, was man als nächstes machen muss.

Außerdem finde ich diese chronische Angst vor der eigenen eventuellen Gewöhnlichkeit mehr als übertrieben und unnötig und viel zu stressig. Dabei ist der Trick doch ganz einfach, aufzugeben und zu schauen, was passiert. Das weiß doch jeder. Je mehr man sich mit dieser Frage beschäftigt, je mehr man sich anstrengt, desto schwieriger wird’s, in erster Linie wahrscheinlich, weil man selbst ganz anstrengend wird. Nein, man sollte einfach mal aufhören, es ständig zu sehr zu versuchen und es stattdessen einfach mal machen.

Doch zurück zu mir. Wie jedes Jahr stand ich auch dieser Tage wieder vor dieser ätzenden Entscheidung, Geld zu sparen und in Berlin-Neukölln bleiben oder wie ein richtiger Promi in spe glamourös zu verreisen und mich dabei hoffnungslos zu verschulden. Und so stellte ich mir die Frage, die ich mir bei wichtigen Entscheidungen immer stelle: Was würde Taylor Swift jetzt machen? Die Antwort war wie immer: Ich weiß es nicht, aber Goddamn, ich will unbedingt nach New York und ich will es eigentlich jetzt schon toll gefunden haben.

Insgeheim hoffe ich, dass mich die schlaflose Stadt mit offenen Armen aufnimmt und nie wieder gehen lässt. Das erspart mir eine Menge Zeit und Arbeit, mich selbst um das nicht-mehr-Gehen kümmern zu müssen. Mein einziger, desperater Plan ist, einen Debütroman zu schreiben, der soviel schnöden Mammon abwirft, dass ich den Nachfolger in Brooklyn schreiben kann. Manhattan wär’ im Zweifelsfall aber auch in Ordnung.

Bis jetzt sieht es ziemlich mau aus. Mir fehlt einfach irgendeine zündende Idee für den Erstling. Das ist schade, denn ich habe schon ein Bombenkonzept für den zweiten Roman. Tagebuch, halt dich fest, ich sag’ dir kurz, worum es geht: Geschichten aus dem Betty Ford-Kindergarten. Punkt. Das war’s. Im Prinzip könnte man das Buch an der Stelle schon beenden, weil jedes Wort zuviel die Wirkung des Settings verwässern könnte und würde. Aber auch dann würde mein Roman Millionen scheffeln. Doch wie gesagt, erstmal muss ich ja noch mein Debüt schreiben und das wird nicht so leicht, wenn sie meine Muse, dieses promiskuitive Biest sich wohl lieber unter anderer Leute Schädeldecken vergnügt.

Außerdem muss ich da auch einfach praktisch überlegen und mal ganz bodenständig an die Zukunft denken. Also sagen wir’s doch, wie es ist: Deutschland ist einfach noch nicht bereit für meine Prominenz. Noch nicht mal am Promi-Katzentisch des hiesigen Flitterbetriebes hätte ich eine Chance. Großes Glamour-Potenzial war natürlich vorhanden, nur konkretes Material, mit dem man arbeiten konnte war – wie öfter schon erwähnt – wirklich limitiert, vor allem, wenn man seine Anziehsachen beim Berühmtwerden anbehalten will.

Vielleicht würden meine Kompetenzen für eine dieser eingekauften Spielerfrauen reichen, die engagiert werden, um den Verdacht auf Homosexualität von berühmten Fußballern zu zerstreuen. Aber leider kannte ich mich so gut mit Fußball nicht aus. Und dann hatte ich ja auch noch diese männlichen Geschlechtsmerkmale. Paradoxerweise hätte es mit der Nummer beim Frauenfußball eigentlich klappen können, aber da fehlt es wiederum an Nachfrage.

Adelsexperte wäre auch noch ein Option, aber irgendwann wird’s selbst mir zu doof. Auch die nächste Bachelorette zu werden, kann ich mir nicht vorstellen. Dabei würde die Tatsache, dass ich ein Mann bin womöglich noch nicht mal das K.O.-Kriterium sein, weil ich glaube, dass die einfach nur irgendwen brauchen, der’s macht. Aber ich habe nicht meine gesamte Pubertät damit verbracht, Tori Amos zu hören, um so was gut zu finden, vor allem weil gerade ihr Song „Bachelorette“ zu meinen Lieblingen gehört. Ja okay, Björk hat auch ein Lied mit demselben Namen, aber diese leichtfüßige, unbeschwerte, immer betont unkomplizierte Art von Björk … das ist mir einfach zuviel Mallorca auf einmal.

Aber nun, mein Gepäck nach New York wurde soeben eingecheckt. Oh je, jetzt muss ich da wirklich hin, wenigstens, um mein Gepäck abzuholen. Zeitlich habe ich ein langes Wochenende eingeplant. Das sollte reichen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da soviel zu sehen gibt. Vielleicht ein gut erhaltenes Fachwerkhaus in der Innenstadt, das gleichzeitig das Stadtmuseum ist. Die nennen das dort allerdings MoMa, genauer gesagt das Modern Museum of Art. Unter anderem hängt dort dieses Gemälde von Vincent van Gogh. „Sternennacht“. Celebrity Jane hat’s schon gesehen. Oder vielleicht auch nicht. Immer wenn es auf dieses Thema kommt, erwähnt sie nur immer wieder, dass sich erst fotografierende, asiatisch anmutende Touristen vor sie drängelten und dann ganz ignorant wegschubsten. Selbst die erste Reihe bei einem Take That-Konzert sei dagegen ein verkuschelter Kindergeburtstag, so Celebrity Jane. Und sie muss es wissen. Mitte der 90er hatte sie es mal für zweieinhalb Lieder geschafft, in der ersten Reihe bei jener atemberaubenden Boyband zu stehen und hat davon immer noch eine Bissnarbe in der Schulter. Ich war sogar beim selben Konzert, konnte allerdings nichts sehen, weil ich die ganze Zeit in der Bierschlange stand (es ist unglaublich, wieviel Bier Take That-Fans verputzen). Bei genauerem Nachdenken war es irgendwie beeindruckend, wie oft im Leben wir zwei uns hätten schon begegnen können. Doch zurück zum Thema: Allein deshalb musste ich unbedingt ins MoMa und mir dieses Bild anschauen, einfach um zu wissen, wie es sich in der ersten Reihe bei Take That anfühlt.

Den Rest erledigt in New York ja dann bekanntermaßen die Atmosphäre. Deswegen fliege ich auch eigentlich nur hin. Wegen der Atmosphäre. Um diese zu verstärken, gedenke ich mich ausschließlich vom Spirit der Freiheit und von Wildpferden zu ernähren, die ich persönlich in der New Yorker Fußgängerzone reiße (wobei letzteres natürlich ein schlechter Scherz ist, denn Wildpferde in der New Yorker Fußgängerzone haben es schließlich schon schwer genug.)

Huch, das Boarding geht los. Ich muss jetzt rein. Wenn ich’s schaffe, liebes Tagebuch, schreibe ich dir ne Karte. Ansonsten habe eine schöne Zeit und sei herzlich gegrüßt von Edgar. Uiuiui, tatsächlich New York! Ich hoffe, die haben da Kaffee.

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10 Kommentare zu „#20: …Decaf For Cutie…

    1. Hallo Annika,
      ::
      ja, diesmal hat’s wirklich lange gedauert. Aber die ersten Skizzen sind fertig, die Indoor-Saison hat auch begonnen und Urlaub steht obendrein ins Haus. Sieht also alles gut aus. 🙂
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      Danke für den charmanten Tritt in den Popo und einen schönen Start in die Woche.
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      Herzallerliebste Grüße
      Claudia

    1. Hallo Annika,
      ::
      ich hab‘ deinen Post schon gelesen und finde das ja echt toll und bedanke mich sehr. Vor allem der Hinweis, dass man’s möglichst chronologisch lesen soll, kriegt noch mal ein Extra-Danke.
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      Der Post von neulich ist eigentlich nur zufällig da reingeraten. Ich wollte was über’s Smartphone erledigen und bin aus Versehen auf die falsche Taste geraten.
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      Aber es dürfte der Text gewesen sein.
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      https://schlechtersexunddosenbier.wordpress.com/2015/02/22/18-nothing-else-lametters-oder-youre-so-wien-you-probably-think-this-one-is-about-you-2-2/
      ::
      So denn, vielen, vielen Dank nochmals (wirklich! 🙂 ) und einen schönen Mittwoch.
      ::
      Viele Grüße, Claudia

      1. Liebe Claudia,

        wie du in meiner Kommentarleiste lesen kannst, hast du noch mehr Fans, ab heute sogar Brandneue und manche sind sogar weltberühmt. Wie kriegt man dich denn dazu, mehr als einen Beitrag pro Jahr zu schreiben? Geld? Pferde?

        Oder bist du unterdessen so berühmt, dass du all deine Zeit auf roten Teppichen verbringst? Ich mein, das war ja der Plan. Ich würde es dir natürlich gönnen.

        Aber du musst natürlich auch an die Leser denken.

      2. Hallo Annika,
        ::
        ja, ich habe tatsächlich mitgelesen und bin ziemlich geplättet. 🙂 Und auch ziemlich motiviert. Der Blog ist zwar nie wirklich weg vom Tisch, aber wurde von mir wirklich sträflich vernachlässigt und auch vermisst. Also wenn jetzt nicht bald was zustande kommt, dann weiß ich’s auch nicht.
        ::
        Einen schönen Abend, vielen Dank nochmals und einen schönen Sonntag. 🙂
        ::
        Claudia

  1. Moin Claudia

    Pferde! Annika nun wieder! Aber recht hat sie natürlich trotzdem. Wenn etwas Lob und geblümter Hudel Dich zum Weiterschreiben bringt, schließe ich mich den Tritten gerne an.

    (Das hier ist jetzt das gestrichene, alttestamentarische Traktat, warum man unbedingt ein öffentliches Tagebuch führen sollte. Aber sein wir mal ehrlich: Eine vernünftige Begründung wird sich schwer finden.)

    Blogs sind toll! Man kann feixend beobachten, wie sich die anderen an am eigenen Leben laben, als hätten sie kein eigenes. Wahlweise kann man sich auch geschmeichelt fühlen so man Manieren hat. Ich hab keine.
    Was ich aber noch unbedingt fragen wollte: Die gnädige Frau Mutter Hertha mit ihrem Goethe IV (»…in einem Internetforum gemeinsam mit anderen Goethefans am vierten Teil von Faust werkelte.«) – harrt dieses Werk noch der Veröffentlichung oder kann man es irgendwo bewundernd lesen? Wenn’s denn nicht gelogen war reine Poesie war.

    Mach doch mal weiter, bitte! Es gibt so wenig gute Sachen zu lesen.

    Gruß,
    das Pantoufle

    1. Hallo Pantoufle,
      ::
      vielen Dank für das Lob und die Tritte. Die ersten Kritzeleien stehen und ich hoffe, da wird bald was fertig.
      ::
      Die Faust-Fan Fiction war nur Poesie. Allerdings nur von meiner Seite. Weil ich neulich ein bisschen prokrastinieren musste, habe ich einfach mal im Netz geforscht und es gibt tatsächlich Menschen, die weiter an Faust herumschreiben. Als ich das damals getippt habe, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es so was wirklich gibt, aber doch. Aber doch.
      ::
      So denn, ich bedanke mich nochmals und wünsche einen schönen Dienstag.
      ::
      Viele Grüße, Claudia

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