#19: …Freedom’s Just Another Word For Nothing Left To Choose…

(Celebrity Jane)

Liebes Tagebuch,

entschuldige, dass ich länger nicht geschrieben habe, aber ich brauchte Zeit, um so lange in Selbstmitleid zu baden, bis ich mir selbst auf die Nerven gehe. Jetzt ist es soweit.

Alles begann damit, dass ich 30 geworden bin. Eigentlich begann es schon Neujahr, als mir aus Versehen eingefallen ist, dass ich in diesem Jahr 30 werde. Mir wurde bewusst, dass das das Ende meiner Lieblingsausrede war, nämlich das 29-sein. Ich hatte mich überredet, dass man mit 29 noch jung war und es nicht schlimm ist, noch nicht erwachsen zu sein. Bereits seit dem Kindergarten drückte ich mich davor, ein erwachsener Mensch zu werden. Das Ausgewachsensein konnte ich leider nicht verhindern, aber das hier gelang mir wirklich gut.

Wie das Lernen für meine Abi-Prüfung, wollte ich auch diese Aufgabe so weit nach hinten schieben wie es ging, sprich auf den Abend davor. Deshalb setzte ich mich hin, schnappte mir Zettel und Kugelschreiber und nahm mir vor, mir konkrete erwachsene Handlungen auszudenken und aufzuschreiben. 30 Minuten später war mir immer noch nichts eingefallen und ich begann, mir mit demselben Stift aus Langeweile ein Armband ums Handgelenk zu malen. Dabei ist mir auch noch ein ziemlich genialer Anmachspruch eingefallen. Soll ich sagen?! Ach, ich sag‘ den einfach mal. Also du gehst einfach auf das Objekt der Begierde zu und dann sagst du: „Hey, wenn du mir deinen Namen sagst, sag‘ ich dir meinen.“ Ich wäre allerdings viel zu schüchtern dafür. Deshalb wollte ich dich bitten, liebes Tagebuch, ob du den statt mir ausprobieren kannst und mir dann einfach schreibst, wie es funktioniert hat. Auf Anfrage gebe ich dir dann auch meine E-Mail-Adresse. Vielen Dank schon mal im Voraus.

Aber zurück zum Thema. Mein Hauptproblem war dabei eigentlich, dass mir die erwachsenen Ideen fehlten. Zwar sagen viele, ich hätte eine lebendige Fantasie, aber so lebendig scheint die gar nicht zu sein, denn zu dem Thema fiel mir einfach nichts ein. Alles, was mir in den Sinn kam, führte entweder zu nichts oder machte Spaß. Spaß ist beim Erwachsensein zwar okay, aber meine Ideen machten leider Spaß auf so eine kindische Art und Weise.

Mir war natürlich schon vorher klar, dass das nicht leicht würde. Deshalb hatte ich seit Neujahr das Erwachsensein schon mal heimlich geübt. Das war mein Neujahrsvorsatz. Normalerweise mache ich mir nichts aus sowas. Wie ich vorher immer schmunzelnd sagte: „Ich bin einfach zu jung, um schon perfekt zu sein.“ Aber das fiel ja jetzt auch flach, deswegen nahm ich mir für 2015 eben diese Trockenübungen vor.

Weil mir, wie gesagt, selbst nichts einfiel, bediente ich mich einfach einer der altbewährtesten Ideen der Menschheit, nämlich der, der sturen Nachahmung. Für optimale Ergebnisse begann ich beim kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich dem Sternzeichen, denn das hatten wirklich alle erwachsenen Menschen gemeinsam.

Ich begann zu recherchieren. Wenn ich zum Beispiel mal erwachsen bin, wäre ich das Sternbild Fische. Darum begann ich täglich, das Horoskop aus der Zeitung auszuschneiden und nachzuspielen. Zu diesem Zeitpunkt verweilte ich gerade im Paris des Nahenden Ostens oder wie ich es scherzhaft nenne: Schwedt. Deshalb handelte es sich bei jener Zeitung um den Uckermark Anzeiger.

Ich begann am 6.1.2015. An diesem Tag stand in meinen Sternen in spe: „Sie hatten schon einmal eine Gelegenheit verstreichen lassen, sich eine Sorge von Ihrer Seele zu reden. Machen Sie denselben Fehler jetzt nicht wieder, denn die Gelegenheit ist günstig.“ Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, wann das gewesen sein soll, aber wenn es nun mal da stand. Zum Glück hatte ich immer Sorgen und Probleme. Daran merkte ich wieder, dass ich doch jede Menge Fantasie hatte. Das ist ja quasi ein Naturgesetz: Wer viel Fantasie hat, hat automatisch viele Probleme. Deshalb war es auch kein Problem, mir ein Problem auszudenken.

Ich brauchte knappe fünf Minuten, da grämte ich mich bereits, weil ich Einzelkind war und fragte mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, hätte ich Bruder oder Schwester, älter oder jünger, gehabt. Damit war Teil 1 der Aufgabe erledigt, nämlich ein Sorge zu haben. Die müsste ich mir nun nur noch von der Seele reden. Ich rief Edgar an. Der hatte schließlich gleich vier Geschwister und war somit der kompetenteste Ansprechpartner, den ich mir vorstellen konnte. Edgar hörte sich alles geduldig an. Dann überlegte er kurz und sprach gleichgültig in seinem nordeutschen Dialekt: „Ja, hat halt alles seine Vor- und Nachteile, nech.“ Ich fand, dass er Recht hatte und fühlte mich gleich viel besser und befreiter. Soviel also zu meiner erwachsenen Tat vom 6.1.2015. Mit aller Strenge und textgenau zog ich mein Programm auch die nächsten Tage durch.

Am 9.1. schrieb der Uckermark Anzeiger: „Sofern Sie sich heute nur an Ihre Grundsätze halten, läuft alles bestens. Dies sind prima Voraussetzungen für Kopfarbeiter! Diszipliniertes Arbeiten ist heute gefragter als jemals zuvor.“ Diszipliniert folgte ich diesem Mantra und machte deshalb einen Tag vom Erwachsenwerden frei, um meinen Prinzipien zu folgen, nur noch zu machen, was mein Horoskop mir sagt. Deshalb setzte ich mir kindisch gleich das Krönchen auf, das ich manchmal nach Feierabend trage und setzte mich so dicht wie möglich vor den Fernseher, damit das auch ja schädlich für meine Augen war.

Am 10.1. bröckelte bereits die Fassade und ebenso mein Durchhaltevermögen. Das Horoskop wollte mich zwingen, aus einer geschäftlichen Verbindung eine freundschaftliche zu machen. Dazu musst du wissen, dass ich bereits mit all meinen Arbeitskollegen gut befreundet war. Es gab nur eine Ausnahme und das war Winnie Pfeiffer. Winnie nahm sich schrecklich ernst, nannte sich selbst Vincent, obwohl es so gar nicht in seinem Ausweis stand und erzählte all seinen falschen Freunden und Bekannten die Halbwahrheit, er mache was mit Medien, um schön zu reden, dass er im Call Center jobbte. Das hätte ich noch verknusen können, aber außerdem war er auch noch selbstgefällig und machte sich ständig über die Schwachpunkte anderer lustig. Und mit solchen Menschen freunde ich mich nicht an, da können sich die Sterne und von mir aus auch das Universum auf den Kopf stellen.

Am 12. Januar merkte ich, dass schon wieder viel zu viel Trotz und eigener Wille in mir hochstiegen: „Ihre Arbeit nimmt Sie voll in Anspruch, und es wäre gut, wenn Sie sich eine kleine Pause gönnten. Sie sollten nicht denken, dass es ohne Sie nicht geht; natürlich gehts mit Ihnen besser!“ Ich habe keine Ahnung, was das Sternbild Fische für eine Arbeitsmoral hat, aber ich bin so faul beim Arbeiten, dass Pause machen mittlerweile meine einzige Kernkompetenz sein könnte. Dass es mit mir besser geht, ist auch eine interessante Interpretation. Es ist nicht nur so, dass ich im Call Center einfach keine Zeitungsabos verkaufe, mein Gerechtigkeitssinn befiehlt mir auch noch, Kunden mit hartnäckigem Interesse über eventuelle Nachteile aufzuklären. Die Argumente sammele ich von Kunden, die mir absagen. Wenn ich genauer drüber nachdenke, ist so ein Zeitungsabo auch eine krasse Entscheidung (Yay, endlich wieder ein neues Problem!). Stell‘ dir vor, Tagebuch, der nichtsahnende Abonnent oder die nichtsahnende Abonnentin liest diese Zeitung in der U-Bahn, blättert die großen Seiten um, stößt dadurch seiner oder ihrer NachbarIn mit dem Ellenbogen ins Auge, die entsprechende Person erblindet, der unaufgeklärte Leser oder die Leserin landet wegen Fahrlässigkeit im Knast und erfährt dann noch, dass die Person auf der anderen Seite eine Allergie gegen Druckerschwärze hat und aufgrund des Schocks im Koma liegt. Die Familie klagt auf Schmerzensgeld und gewinnt. Und das ist alles noch nichts im Vergleich, zu dem schlechten Gewissen, das sich der Abonnent oder eben die Abonnentin bis zu Ihrem Lebensende machen wird. Und das ganze nur wegen mir. Wie ich noch moralisch integer Zeitungen verkaufen soll, ist mir ehrlich ein Rätsel.

Aber wo waren wir eigentlich stehen geblieben? Richtig. Erwachsen werden dank der Horoskop-Diät. Seien wir doch ehrlich, das wird nichts mehr. Keine Sorge, it’s me, not you. Grämt euch nicht, ihr Sterne über Schwedt, ich bin mir sicher, ihr gebt euer Bestes, aber ich bin einfach schwach und inkonsequent. Ich könnte natürlich weiterhin machen, was ihr sagt, aber ich wäre einfach nicht mehr mit dem Herzen dabei und das hättet ihr nicht verdient.

Damit hatte ich mich also selbst wieder in die Entscheidungsfreiheit entlassen und damit kam das eingangs erwähnte Selbstmitleid. So lang ich mich erinnern kann, war Freiheit immer das, was mich am meisten beunruhigte. Die Hausnummer ist mir einfach ein bisschen zu groß. Ich meine, was soll diese Logik? Zumindest für Mitteleuropa gesprochen, und wenn man Schwedt miteinrechnet auch für Osteuropa, ist man ätzend frei. Im Prinzip hat man soviele Freiheiten, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Man kann Ballerina oder Diktator werden, gut oder böse, sogar meine primären und sekundären Geschlechtsmerkmale könnte ich mir per Operation selbst wählen. Nur das mit den Ethnien ist etwas komplizierter, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit.

Manchmal frage ich mich, warum ich genau das tue, was ich tue und stattdessen nicht was anderes mache. Warum baue ich etwas, statt etwas kaputtzuschlagen? Das wär‘ gegen meinen Willen, aber möglich. Die erste Antwort: „Ich weiß es einfach nicht.“ und die zweite „Weil ich’s persönlich für nicht richtig halte“. Diese doofe Evolution und ihre Selbstschutzmechanismen. Ich sag‘ dir Tagebuch, gäbe es eines Tages den ultimativen Soundtrack zur Menschheit, dann würden ihn zwar immer noch T-Rex singen, aber der Titel wäre definitiv „Children Of The Evolution“.

Und wenn ich mir übrigens gerade so selber in meinem mittel- bis osteuropäischen Selbstmitleid so zuhöre, dann liegt die größte Dekadenz wohl darin, dass man die Freiheit hat, sich über das Freisein aufzuregen. Und darum nehme ich mir die Freiheit, mir dieses alberne Selbstmitleid zu sparen. Meine Güte, wenn ich schon machen muss, was ich will, dann zieh‘ ich es wenigstens auf meine Art durch. Und meine Art besteht immer noch darin, Freiheiten unberuhigend zu finden und nach Belieben nicht zu nutzen. Aber dennoch gönne ich mir den Luxus, mir meine Unfreiheiten persönlich auszusuchen. Ich brauche das einfach. Unfreiheit schafft Probleme und Problemlösung beflügelt die Phantasie.

Und heute habe ich – natürlich voooll unfreiwillig – Bock auf Klischee. Also mache ich im Sinne der trans-ethnischen Forschung einfach mal den ersten Schritt und modifiziere von der Schwedterin einfach mal zur Prenzelbergerin und werde Veganerin und Gutmenschin. Warum, liebes Tagebuch? Vielleicht habe ich in letzter Zeit einfach wahnsinnig viel Morrissey gehört. Vielleicht halte ich’s persönlich aber auch einfach nur für richtig. Tja, und so lang ich eben selbst wählen kann, hätte ich meine Freiheiten gerne fakultativ und mein veganes Sushi mit Messer und Gabel.

Übrigens ist mein 30. schon wieder ein paar Wochen her, ich bin immer noch nicht erwachsen, das Leben geht trotzdem weiter und ich bin wiedermal in Schwedt. Diesmal wegen Ostern. Gaaanz zufällig liegt neben mir das Horoskop des Uckermark Anzeigers vom 4.4.2015. Ich möchte es schon gern lesen, aber ich habe heute einfach keine Lust, Fische zu sein. Die sind mir einfach zu anstrengend. Ich wär‘ heute viel lieber Skorpion. Die gelten ja quasi als einfach gestrickte Kuscheltiere unter den Tierkreiszeichen. Außerdem finde ich den Text da heute auch viel passender: „Verfolgen Sie den Weg, den Sie nun einmal eingeschlagen haben, strikt weiter. Über den angeblichen Mangel an Elan, den man Ihnen vorwirft, brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.“

Herzallerliebste Grüße, Celebrity Jane

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4 Kommentare zu „#19: …Freedom’s Just Another Word For Nothing Left To Choose…

    1. Hallo Annika, na vielen Dank für die netten Worte. Ich hab‘ mich sehr gefreut. 🙂 Ja, ich würde ja eigentlich auch gern öfter schreiben. Aber leider lasse ich mich in letzter Zeit immer so gerne vom Frickeln und Schreiben ablenken. Aber ich merke, das wird gerade wieder anders.
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      Einen schönen Abend wünsche ich dir und natürlich einen tollen Donnerstag.
      ::
      Herzallerliebste Grüße, Claudia

  1. Liebe Ella, entschuldige, dass ich bei so netten Worten so lange mit einer Antwort gebraucht habe, aber natürlich vielen, vielen Dank. Ich freue mich sehr, dass dir das Lesen so einen Spaß macht. Es ist auf jeden Fall eine schöne Motivation, mich mal wieder öfter an den Schreibtisch zu setzen. Auch dafür noch mal danke. 😉 An deinem Stil bewundere ich ja immer das Offene und Emotionale, ohne das es irgendwie ins Klischee oder Kitsch abdriftet. Hätte ich das auch mal gesagt. 🙂
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    So denn Ella, nun wünsche ich dir einen erholsamen Sonntagabend und einen optimalen Start in die Woche.
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    Herzallerliebste Grüße, Claudia

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