(Edgar)

Liebes Tagebuch,

ja, ich weiß, ich habe mich lange nicht zurückgemeldet. Aber nach meinem Weihnachtsbesuch in Wien musste ich einfach untertauchen, denn ich brauchte die Zeit für mich. Eigentlich läuft bei uns immer alles sehr harmonisch ab, zumindest bis zum zweiten Feiertag. Dann kann mein Vater nicht mehr an sich halten. Im Grunde nimmt er sich nur solange zurück, um Mutti nicht das Fest zu verderben. Sie freut sich doch immer so, wenn sie uns alle mal wieder am Tisch hat. Aber dann, am 26. Dezember, beim Mittagessen, kurz bevor wieder alle nach Hause aufbrechen, bekommt mein Vater dieses „Wir müssen mal reden“-Gesicht. Das Thema ist stets dasselbe: Wer übernimmt den Familienbetrieb, sprich den Fischmimbiss am Wiener Hauptbahnhof.

Seit Jahren arbeitet er dort mit voller Leidenschaft. Es war sein erster Beruf in Wien und wird auch sein letzter sein, hatte er beschlossen. Eigentlich stammte mein Vater aus Bremen, aber seit seiner Geburt hasste er den norddeutschen Dialekt. Das war auch der Grund, warum er auch erst mit sechs Jahren anfing zu sprechen. Eigentlich konnte er es genauso pünktlich wie die anderen, aber er hatte einfach keinen Bock. Aber eines Tages redete sein Banknachbar im Kindergarten einfach zuviel oberflächlichen Mist, da musste er mit der Sprache rausrücken, einfach um ihm zu widersprechen. Auch bis heute redet er nicht viel, und wenn dann in der Regel zum Kritisieren. Aber zurück zum norddeutschen Dialekt. Sein Leben lang hatte er von einer mondäneren, europäischeren Sprechweise geträumt und als er endlich die Schule beendet hatte, begann er ihn, in die Tat umzusetzen.

Noch in der Nacht des Abschlussballs packten er und sein bester Freund André, den er liebevoll Andri nannte, die Koffer, um auszuwandern. Andri wohnte da noch in Hannover. Die Stadt ist ja bekanntlich der Hotspot, wenn es um das Hochdeutsche geht, deshalb hatte er gar keinen Dialekt, obwohl er sich jedes Jahr zum Geburtstag, an Weihnachten und Ostern einen gewünscht hatte, aber er bekam stattdessen leider nur Autorennbahnen, ein eigenes Pferd, ein Schlagzeug und einen Neuwagen zum Achtzehnten. Mit diesem sausten sie in jener Nacht immer noch in ihren schlecht sitzenden Absolventenanzügen immer gen Süden. Ihr Ziel: Den regionalen Dialekt hinter sich zu lassen und sich endlich etwas Größerem, etwas Internationalerem zu widmen: nämlich einem Akzent.

Es wird wohl niemanden überraschen, dass die beiden sich über eine Annonce kennenlernten, die mein Vater Heinz Pflaume damals in die Beilage der örtlichen Zeitung setzte. Darin suchte er nach Gleichgesinnten für seine Aktionsgruppe, nämlich Menschen, die ihren eigenen Dialekt ablehnten. Andri war der einzige, der sich daraufhin gemeldet hatte. Von da an waren die beiden unzertrennlich und planten genau diese Nacht, in der sie Norddeutschland für den Rücken zu kehren.

Allerdings wollten sie die deutsche Sprache behalten, gegen die hatten sie ja nichts. Es war bloß der Klang, der die beiden schier wahnsinnig machte. Es blieben also zwei Länder zur Auswahl. Die Schweiz oder Österreich. Die Schweiz boykottierte mein Vater von Anfang an. Diese direkten Wahlen waren ihm einfach suspekt und vor allem zu antiautoritär. Deshalb blieb nur noch Österreich. Weil Andri dort Bekannte hatte, bei denen sie unterkommen konnte, zog es sie nach Wien, das sie anschließend auch nicht mehr verlassen sollten.

Hier gedachte Heinz einen weiteren Traum in die Tat umzusetzen, nämlich den, ein Familienunternehmen zu leiten; es muss ja nicht gleich die eigene Familie sein. So nutzte er sein norddeutsches Allgemeinwissen und bekam ein Praktikum in diesem Fischimbiss, der meine Geschwister und mich bis zum heutigen Tag verfolgen sollte. Fellner & Sohn nahmen ihn mit Kusshand, schätzten seine Ideen und sein verkäuferisches Geschick und pushten ihn, wo sie nur konnten. Schließlich kletterte er eifrig die Karriereleiter hoch und hatte zusammen mit seinem Ersparten und seinem Trinkgeld genügend Kapital zusammen, um den Fellners ihren Laden abzukaufen, mit der Bedingung, sie anschließend als Angestellte zu übernehmen. Wenn ich genauer darüber nachdenke, erinnert mich dieses wirtschaftliche Talent doch sehr an meine Arbeitsehefrau Celebrity Jane Schröder. Vielleicht hat mich ein verkappter Vaterkomplex direkt in die arme dieser ewig motzenden BWL-Elfe getrieben.

Zu dieser Zeit lernte er auch meine Mutter Hertha Neuhauser kennen. Sie arbeitete mit Leidenschaft als Bibliothekarin. Dummerweise stand ihre Zweigstelle aber genau zwischen einer Videothek und einem skandinavischen Textildiscounter. Deshalb hatte sie viel Zeit, die sie damit verbrachte, sich durch das komplette Repertoire zu lesen, die dort sonst in den Regalen verstaubt wären. Zwischen Shakespeare, Ovid, Capote und Co. hatte sie so ein unerschöpfliches und beeindruckendes Allgemeinwissen angehäuft und viele Ideen, nach welchen Helden und Heldinnen ihrer Romane, Biografien und Sachbücher sie ihre Kinder einmal benennen würde.

Eines Tages kam mein Vater in die Bibliothek, um nach dem Weg zum benachbarten Textildiscounter zu Fragen. Ja, liebes Tagebuch, mochte sein Händchen fürs Geschäft auch noch so ausgeprägt sein, sein Orientierungssinn ist bis heute ziemlich beschissen. Wahrscheinlich würde er sich sogar in einem Aufzug verfahren.

Aber zurück zu dieser Geschichte, der ich meine Geburt verdanke. Hertha hatte sich sofort in meinen Vater verknallt und stellte ihm viele Fragen, um ihn vor dem Gehen abzuhalten. Als sie im Zuge dessen auch noch herausfand, dass er Heinz hieß, war es komplett um sie geschehen. Ihre Lieblingsfigur aus der Literatur war schließlich niemand geringerer als Heinrich Faust aus der Saga „Faust I“ und „Faust II“ von Johann Wolfgang von Goethe. Heinz erwies sich quasi als coolere, nonchalantere Namensvariante von Heinrich. So wie Joe ja auch verwegener klang als Jonathan, oder Bill statt William oder eben Andri statt einem strengen André. Heinz, das war quasi Heinrich auf einem Moped, der auf seine Art mit dem Teufel verhandelte, indem er sich dabei schnell langweilte und dem Teufel stattdessen empfahl, er solle lieber endlich mal seine Ausbildung abschließen und was Vernünftiges für die Allgemeinheit tun.

Hertha fragte ihn schüchtern nach einem Rendezvous, auf das er sich spontan einließ, vor allem, weil er gar nicht wusste, was ein Rendezvous war. Bald allerdings hatte er die amourösen Absichten meiner Frau Mama durchschaut. Doch da war es schon zu spät, denn er hatte sich hoffnungslos in diese bezaubernde Person verliebt, die in ihrer Freizeit in einem Internetforum gemeinsam mit anderen Goethefans am vierten Teil von Faust werkelte. Den dritten hatten sie schon ein Jahr davor beendet. Auch Hertas Gefühle wuchsen immer mehr. Vor allem fand sie seinen Dialekt ziemlich erotisch, ob Heinz das nun passte oder nicht. Mit seiner Aussprache machte er aus ihr, einer einfachen Hertha, die bis dahin eher synonym für Berliner Fußballvereine stand, eine Hedda, einer der populärsten Heldinnen aus dem Werk einer ihrer anderen Lieblingsautoren Hendrik Ibsen.

Schon bald erwartete das Paar, das mittlerweile sogar geheiratet hatte, den ersten Nachwuchs, dann den zweiten, den dritten und den vierten. Ich sollte dabei der einzige männliche Sprössling bleiben.

Und so saßen wir zu sechst, bzw. zu siebent (unsere Hündin Nicky war ebenfalls dabei) und salbaderten mal wieder darüber, wer Vatis Imbiss nun übernehmen sollte. Ich hatte dabei leider die schlechtesten Karten, weil ich die von all meinen Geschwistern die am wenigsten überzeugende Karriere vorzuweisen hatte.

Bei meiner Schwester Cleopatra hatte es zum Beispiel rechtliche Gründe, denn sie lebte im Exil in London. Seit sie vor ein paar Jahren versuchte, die Wiener Melange in ‚Filterkaffee nach Wiener Art’ umbenennen zu lassen wollte, um mehr Transparenz für Verbraucher und Verbraucherinnen zu schaffen, wurde sie des Landes verwiesen und durfte Weihnachten nur einreisen, weil sie der österreichischen Regierung gedroht hatte, sie würde das Gerücht verbreiten, das Land stellte das klassische Herrengedeck statt aus Bier und Korn tatsächlich aus richtigen Herren her.

Du liest übrigens richtig, meine Schwester heißt ganz offiziell Cleopatra. Ich habe ja vorher schon angekündigt, dass sich meine Mutter bei der Namensgebung ganz von ihrer Lieblingslektüre hatte leiten lassen. Deshalb ist mein Name auch Edgar. Ich glaubte lange Zeit, ich heiße so wegen Edgar, dem mit österreichischen Nuss-Noutgat gefüllten Croissant, weil meine Eltern mich so süß fanden. Aber dem war nicht so. Zum einen fanden mich meine Eltern noch nie süß und zum anderen erhielt ich meinen klangvollen Namen wegen der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccini. Es geht es um einen jungen Mann, der hin und hergerissen ist zwischen Sicherheit und Leidenschaft, aber schließlich in beidem scheitert. Meine Mutter hatte wohl gleich geahnt, dass das mit mir ein bisschen umwegiger wird.

Ich als Zweitgeborener genoss die Zeit bis dahin wirklich sehr. Cleopatra und ich verstanden uns super, und wenn nicht, dann akzeptierten wir einander wenigstens. Sie erfüllte ihre Rolle als große Schwester mit ihrem Organisationstalent ganz wunderbar und beschützte mich energisch vor Raufbolden, die ich mit meiner dauernden Unbeschwertheit nervte, die meinem Wesen als jüngerem Geschwister inne wohnte. Dann kam ich in die Schule und meine Eltern hatten während des Tages wieder mehr Zeit, zu meinem Schreck offenbar auch für erotischen Nahkampf. So sehr ich mich bemühte, immer sofort nach der Schule nach Hause rannte, um meinen Eltern nicht zu viel Zeit allein zu lassen, oder mich bei jeder Möglichkeit krank stellte, um meine Mutter in Schach zu halten und dabei auch müde zu spielen, aber im Endeffekt erwies sich alles als für die Katz’. Genau neun Monate nach meinem ersten Schultag, brachte meine Mutter meine zweite Schwester mit nach Hause.

Meine Eltern hatten sie Sphinx genannt. So was konnte sich kein Autor oder Autorin ausdenken, aber natürlich quatschte die Kleine die ganze Zeit wie ein Wasserfall und nahm die gesamte Aufmerksamkeit meiner Familie in Anspruch, die bis dahin immer mir gebührte. Das machte mich zu einem dieser Sandwichkinder, die sich dauernd fragen, wie sie sich positionieren sollen und ständig auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal und Zuwendung sind. Cleopatra war eindeutig unser Leittier und Sphinx war die „Kleine“. Ich war hingegen ziemlich profillos, weil ich eben gleichzeitig auch nicht über ein einziges herausragendes Talent verfügte, mit dem ich meine Umwelt beeindrucken konnte.

Vielleicht strebe ich deshalb immer nach Glamour und nach Applaus und vielleicht ist mein Berufswunsch daher auch Meerjungfrau oder Promi. Das lässt mein Vater allerdings nicht gelten, weil er nicht an meinen Erfolg glaubt. „Ist ein Prominenter, den niemand kennt, dennoch ein Prominenter?“, fragt er an diesem Punkt der Diskussion dann gerne. Und natürlich habe ich in diesem Moment dann nie ein auch nur ansatzweise überzeugendes Argument.

Falls es dich interessieren sollte, liebes Tagebuch, Sphinx und ich haben mittlerweile ein ziemlich entspanntes Verhältnis, genauer gesagt, seit mich die Geburt unserer jüngsten Schwester vor dem Schicksal des Sandwichkindseins gerettet hat. Sphinx und ich haben uns mittlerweile sogar viel zu erzählen. Von Beruf ist sie Hartz IV-Empfängerin. Das ist auch der Grund, warum sie den Imbiss nicht übernehmen kann. Diese ständigen Einladungen ins Jobcenter, um über ihre berufliche Zukunft zu sprechen und die unsinnigen Maßnahmen – da bleibt einfach keine Zeit mehr für Karriere und Selbstständigkeit. Allerdings hatte sie dadurch eine beeindruckende Vita zusammengehamstert. Durch die vielen Jobs die ihr angeboten wurden, hatte sie schon alles mal gemacht. Außer Kellnern. Aber sie war auch schon im Call Center gewesen und wenn uns bei unseren Treffen oder Telefonaten die Themen ausgingen, erzählten wir uns einfach Geschichten über unsere lustigsten, nettesten oder nervigsten Kunden und Kundinnen.

Wie bereits erwähnt gab es noch ein weiteres Geschwisterchen. Mutti wusste, dass dies ihr letztes Kind sein sollte und nannte sie deshalb Applaudia. Eine berühmte Applaudia gab es bis dato noch nicht und Mutter wollte, dass die kleine die erste wurde und Kinder später einmal nach ihr benannt werden. Ich vergötterte Applaudia und vergöttere sie noch heute. Du wirst dich erinnern. Applaudia ist ja der mittlere Name meines Alter Egos, der Groschenromanautorin Cosima Applaudia von Schmuddelwitz. Das ist kein Zufall sondern einzig und allein eine Hommage an meine kleine Schwester.

Sie war das geborene Nesthäkchen, war charmant und niedlich und brachte jeden zum Lächeln. Ich konnte Tage allein damit verbringen, ihr Haar zu bürsten oder sie einfach nur anzuschauen. Deshalb war sie auch raus, wenn es um das väterliche Unternehmen ging. Ihr Job bestand darin, für die positive Außenwirkung des Pflaume-Clans zu sorgen. Sie war sozusagen die Bundespräsidentin der Familie und verbrachte den Tag deshalb damit, ein gutes Vorbild zu sein, für die Weihnachtskarten zu posieren oder an ihrer Neujahrsansprache für ihren Newsletter zu feilen, den sie jedes Jahr im ersten Januar an uns verschickte.

Wie du merkst, gingen mir so langsam die Möglichkeiten und vor allem die Geschwister aus. Mein Vater hatte mich einfach auf dem Kieker und redete beim Pflaumenkompott zum Nachtisch wieder und wieder ein und strich mir meine miesen Perspektiven auf’s Brot. Dennoch weigerte ich mich vehement, weil ich die Hoffnung an baldige Berühmtheit hegte oder zumindest daran, dass mir eine Flosse wächst.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Mutti öffnete und brach in nervöses Kreischen aus, dem ich folgte. Ich traute meinen Augen nicht. Es war Torsten Cornelius, der ehemalige Kinderstar aus dem Kinderfernsehen, der es auch danach zu beachtlichem Erfolg gebracht hatte. Dafür sorgten schon seine zahlreichen Begabungen, er war schließlich ein wahres Multitalent und beherrschte vom Falsettgesang über Method Acting bis hin zur Jonglage so ziemlich, alles was es brauchte, um ein Publikum zu begeistern. Auch ich kreischte. Was das betraf bin ich ein ewiger Teenie, der auch schon auf die kleinste Messerspitze Prominenz mit Haut und Haaren abfährt. Als meine Mutter bemerkte, dass auch ich Torsten Cornelius schon entdeckt hatte, drehte sie sich ernst zu mir und bat mich, mich kurz hinzusetzen.

Bei dem Namen Cornelius handelte es sich nicht um einen Familiennamen, so begann sie, sondern um einen zweiten Vornamen. Torsten hieß in Wahrheit nicht Cornelius, sondern ebenfalls Pflaume und war der älteste Sohn von Heinz und Hertha a.k.a. Hedda.

Allerdings wurde sein Potenzial aus Showstar schon kurz nach seiner Geburt entdeckt. Manager umwarben ihn und Torsten folgte dem Ruf von Ruhm und Geld und verließ seine Familie, was Mutter nie so ganz verwinden konnte. Er wusste es damals nicht besser. Doch nun sei er wohl zu der Einsicht gekommen, Fame wär’ nicht alles und war zurückgekehrt, um die verlorene Zeit nachzuholen. Mutter hatte er damals zwar das Herz gebrochen, schluchzte sie, aber sie könne ihrem Erstgeborenen einfach nicht lange böse sein. Dann schloss sie Torsten in die Arme. Torsten… offenbar hatte sie diesen Faible für ausgefallene Namen mit großer Bedeutung doch nicht immer gehabt.

Ich konnte es nicht glauben. Nicht nur, dass ich neben der Kinderstarlegende Torsten Cornelius aussah wie ein armseliger Vollidiot, nein, ich hatte es tatsächlich zum zweiten Mal in meinem Leben geschafft, das problematische mittlere Kind der Familie zu sein. Diese einzigartige Begabung konnte mir wirklich keiner nehmen, aber auf die Titelblätter würde mich das auch nicht bringen.

„Das war’s. Game Over. Ich kann nicht mehr.“, dachte ich und war bereit aufzugeben. In Gedanken ergab ich mich bereits meinem unglücklichen Schicksal als Fischverkäufer, wovon mein Vater sofort Notiz nahm und schon mal das schon vor Jahren aufgesetzte Vertragsformular und den Füllfederhalter aus der obersten Schublade der Flurkommode holte, was Torsten neugierig machte und so wollte er wissen, um welche Art Vertrag es sich dabei handelte.

Mein Vater erwies sich allerdings als weniger versöhnlich. „Das ginge ihn gar nichts an“, zeterte er, „noch nie habe sich Torsten für den Familienbetrieb interessiert, warum sollte er jetzt damit anfangen.“ Bei dem Stichwort Familienunternehmen wurde er hellhörig. Es war nämlich so, dass Torsten sein gutes Image gleichzeitig für gute Zwecke benutzen und noch zusätzlich aufpolieren wollte. Der erste Schritt war klar. Was bei Promis immer gut rüberkam, war die Entscheidung, einen veganen Lebensweg einzuschlagen, das schaffte genauso viele Anhänger wie Nörgler, die das als albernen Trend abtaten und konnte dabei jederzeit argumentativ entwaffnet werden: Wenn es einem guten Zweck dient, dann sind die persönlichen Beweggründe doch egal. Obendrein hatte er bei vielen Kollegen gesehen, dass sie, vor allem in den USA, in die Gastronomie gingen und auch er suchte gerade eine unkomplizierte Lokalität in bester Lage, wo er seine hippe, nachhaltige, vegane Kost verkaufen wollte, um so positiv in die Medien zu kommen. Außerdem fand er keine Branche so faszinierend und so schätzenswert wie die Gastronomiebranche, schließlich widmete es sich einem er wichtigsten Bedürfnisse des Menschen. Seine flammende Rede klang ziemlich pathetisch und für die nächsten Interviews für die Klatschpresse eingeübt. Meinen Vater hatte er aber offenbar sofort damit bekommen. Er beäugte mich noch einmal lange von oben bis unten, dann legte er den Arm um Torsten und sagte ihm, er habe da so eine Idee. Am Ende des Tages interessiere ihn doch, dass das Unternehmen floriert und seine und Heddas Rente abwirft. Was bringt es ihm also, wenn ich als Edgar mit meinem nicht existenten Unternehmergeist die traditionelle Imbissbude in kürzester Zeit gegen die Wand fahre. Da reitet er doch lieber mit auf dieser neumodischen Welle, die auch noch viel mehr Profit verspricht. So könne er sich im Alter vielleicht nicht nur den Sommer-, sondern auch noch einen Winterurlaub leisten. Tja, mein Vati. Unternehmer durch und durch.

Irgendwie konnte ich aber nicht so richtig sauer auf ihn sein. Auf Torsten auch nicht. Schließlich hatte ich endlich diesen Laden vom Hacken. Vielleicht hatte mich dieses Sandwichkind-Burnout von damals auch zusätzlich hart und gleichgültig gemacht. Obendrauf kam, dass mir die negativen von Antipathie seit jeher zuviel Arbeit machten. Eine weitere Autobiografie könnte ich deshalb problemlos „Edgar Pflaume – zu faul zum Hassen“ nennen.

So liebes Tagebuch, das war’s von mir. Celebrity Jane scharrt schon mit ihren zarten Hufen. Die sucht offenbar auch mal wieder den Kontakt zu dir.

Bleib’ wie du bist, Tagebuch und auf ein fröhliches Wiederlesen

Dein Edgar

 

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6 Kommentare zu „#18 …Nothing Else Lametters oder You’re So Wien You Probably Think That One Is About You… (2)

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