(Edgar)

Liebes Tagebuch,

ich kann im Moment nicht so gut schreiben, denn ich drängle mich parallel durch den überfüllten Gang einer Boing 676. Tja, Weihnachten und so. Da kehre ich Oberpreußen gerne mal den Rücken zu und begebe mich in meine alte, österreichische Heimat und in den Schoße meiner Familie. Noch eine gute Stunde also, dann heißt es: Next Stop Wien.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese Stunde so gut wird, denn seit geraumer Zeit leide ich unter selektiver Flugangst. Selektiv, weil mir nicht jeder Flug Angst macht, nur die, die mir irgendwie verdächtig vorkommen und der hier ist verdächtig. Lass mich kurz erklären, warum.

Ich bemesse die Seriosität einer Fluglinie grundsätzlich an der Wahl der Musik, die vom Einstieg bis zum Start in der Kabine gespielt wird. Für gewöhnlich sind das profillose Fahrstuhlmelodien und schnörkelloses Easy Listening, um den Passagier einzulullen und in der trügerischen Sicherheit zu wiegen, man wisse genau, was man hier tue. Bereits das jagt mir immer einen kalten Schauer über den Rücken, weil ich davon ausgehe, dass dieses sentimentale Gedudel einfach nur dazu da ist, um von den fehlenden Kompetenzen des Piloten abzulenken. Aber gegen das, was mich heute erwartet, ist das reinste Babykacke.

Schon bei „Calm After The Storm“, der Zweitplazierung im diesjährigen Eurovision Song Contest und Phillip Poisel denke ich intensiv darüber nach, den Flieger umgehend zu verlassen, aber dann kommt es noch krasser, als eine junge Nachwuchskünstlerin mit samtiger Stimme eine Akustikversion von Ed Sheerans „A-Team“ in den Lautsprechern anstimmt. Nur das Original hätte mich mit seiner therapeutischer Kuscheligkeit schier in den Wahnsinn getrieben, aber genau dieses Lied noch mehr zu verkuscheln und die Interpretin auch noch so klingen zu lassen, als würde sie mit Geiselnehmern verhandeln, grenzte an Psychoterror und das Eingeständnis vollkommen fliegerischer Unfähigkeit. Mir wird klar, hier werde ich also sterben.

Hyperventilierend und heulend wie ein Kleinkind ergebe ich mich würdelos meinem Schicksal und mein Leben beginnt in Bildern an mir vorbeizuziehen. Ich erinnere mich an bessere Tage und vor allem bessere Flüge. Nie habe ich mich so sicher gefühlt wie damals 2009 im Flieger von Berlin nach Amsterdam. Dem Begleitungspersonal war es völlig egal, ob man beim Start angeschnallt war oder man sein Handgepäck sicher verstaut hatte und im Hintergrund spielte sanft und solide AC/DC mit „Highway To Hell“. Eine Fluggesellschaft, die sich so was leisten kann, dachte ich bei mir, die kann nichts zu verbergen haben.

Amsterdam kann ich dir übrigens nicht wirklich empfehlen, Tagebuch. Auf langweilige Art und Weise erfüllt die Stadt einfach jedes Klischee. Fahrräder, Tulpen und Amüsierdamen. Naja, und Pot halt. Dabei hat mich der schon in meiner Jugendzeit nicht besonders interessiert, denn vom Kiffen wird mir immer langweilig. Und hier war er einfach allgegenwärtig. Ehrlich, ich war gerade mal zehn Minuten durch die Amsterdamer Innenstadt spaziert und hatte bereits das Gefühl, selbst meine Netzhaut riecht nach Haschisch. Und wahrscheinlich hätte ich am nächsten Morgen meine Klamotten zu einer nahrhaften Hanfsuppe auskochen können und auf meinem alten Schulhof an bedürftige Philosophie-LKler zu verkaufen.

Aber egal, das hier ist leider nicht Amsterdam, sondern Wien. Ich setze mich auf meinen Platz und schnalle mich an, wie ich mich noch nie angeschnallt habe. Dabei mustere ich meine Sitznachbarn noch genauer als sonst, schließlich wird uns dasselbe grausame Schicksal in den sicheren Tod reißen und das verbindet irgendwie. Die Sicherheitsanweisungen beginnen. Als hätten wir nicht alle längst schon bemerkt, dass diese vollkommen sinnlos sind und eigentlich nur dazu dienen, die Verantwortung für dieses Elend auf uns, die armen Passagiere abzuwälzen. „Klarer Fall von schludrig befolgten Sicherheitsanweisungen. Selber schuld, dass er jetzt tot ist.“, höre ich vor meinem inneren Auge eine Dame der Cabin Crew, die die Katastrophe als einzige überleben wird, der Presse sagen.

Doch obwohl die Lage de facto aussichtslos ist, erweist sich mein Überlebenswille als ungebrochen. Ich beschließe zu kämpfen. Denn was reimt sich schließlich auf fliegerisch? Genau. Kriegerisch! Und so lasse ich mich einfach nicht beirren und mich nicht von meiner üblichen Routine abbringen. Wie bei jedem Flug schnappe ich mir also die Brechtüte – die hier Speibsackerl heißt – und einen Stift und beginne, die Sicherheitsanweisungen stichpunktartig mitzuschreiben. Allerdings komme ich nicht sehr weit, denn kurz nachdem der Stewart erklärt, wo sich die Sicherheitswesten befinden, erwähnt er beiläufig, dass das alles auch noch mal zusammengefasst auf der laminierten Karte in der Sitztasche vor einem steht. Pädagogisch eine ziemlich doofe Strategie. Das ist schließlich so, als würde einem der Lehrer zum Anfang der Stunde sagen, dass der Lehrstoff anschließend noch mal als kompaktes Handout verteilt wird. Also reagiere ich logischerweise auch wie damals in der Schule, lasse Speibsackerl und Stift fallen und blättere stattdessen im Duty Free-Katalog, der ebenfalls in der Tasche vor mir steckt. Ganz wie in der Schule eben. Und wenn sich im Ernstfall doch noch Fragen eröffnen sollten, dann greift schon wie damals Plan B: Ich schaue einfach bei meinem Nachbarn ab.

So, liebes Tagebuch, die Sicherheitsanweisungen sind gelaufen, der Flug beginnt. Sollten wir uns nicht wiederlesen, weil ich das hier nicht überleben werde: mein Platz befindet sich gleich hinter dem rechten Flügel, direkt am Gang wegen des kurzen Fluchtwegs (wohin auch immer man in einem Flugzeug flüchten sollte). In meinem Handgepäck befinden sich noch ein paar Hasenbrote, die dringend weg müssen und sag’ Ryan Gosling, dass ich ihn immer geliebt habe, auch wenn ich ihm das einfach nie so zeigen konnte.

Gute Reise und hoffentlich auf bald

Dein Edgar

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2 Kommentare zu „#17 …Nothing Else Lametters oder You’re So Wien You Probably Think That One Is About You… (1)

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