#16 …Holidays On (Thin) Ice…

(Celebrity Jane)

Liebes Tagebuch,

es ist wieder so weit, die Zeit im Jahr, die für eingefleischte Betriebswirtschaftler ist wie jedermanns Geburtstag und Ostern gleichzeitig. Richtig, Weihnachten! Das heißt, rund um den Erdenball wiederholen Kapitalisten, ob groß oder klein, dieser Tage noch mal alle Zahlen, um demnächst ihre Gewinne zählen zu können. Überall tanzen sie sich warm zu den süßen Klängen des Maximalprinzips, wie man also aus dem möglichst Wenigsten den größten Profit rauskriegt. Für mich als leidenschaftliche Hobby-BWLerin galt das natürlich auch. Wie bezahlte ich mit meinem mickrigen Gehalt wohl am besten die meisten Weihnachtsgeschenke?

Das Praktische war, dass ich Einzelkind bin, mir an dieser Stelle mir also buchstäblich schon eine Menge erspart bleibt. Außerdem hatte ich kaum Freunde, weil die meisten neidisch auf meine Niedlichkeit waren und deshalb nichts mit mir zu tun haben wollen. Und die die nicht neidisch auf meine Niedlichkeit sind, sind neidisch auf meine schroffe Launenhaftigkeit, denn die kann echt was.

So bleiben eigentlich nur Mutti, Vati und Edgar. Das mit Edgar ist schnell erledigt. Als allzeit bereit für Prominenz schwört er natürlich auf jede Form der plastischen Chirurgie, auch wenn ihm dazu die finanziellen Mittel fehlen, ganz zu schweigen von den nötigen Falten.

Um ihm aber trotzdem eine effektive Hautglättung zu schenken, werde ich ihm einfach auftragen, so überrascht wie möglich zu gucken und diesen Gesichtsausdruck zu halten. Dann schubse ich ihn auf den Balkon in die kalte Dezemberluft, schließe für zehn Minuten die Tür und voilà, fertig ist das Biobotox. Nicht nur, dass es billiger ist und ohne Nervengift auskommt, auch ist es ganz leicht rückgängig zu machen. Man braucht es nur über dem Glühweindampf wieder abzutauen.

Mit meinen Eltern gestaltet sich das da schon schwieriger. Ich habe immer gehofft, eine Tochter wie mich zu haben, wäre Geschenk genug. Aber dem ist leider nicht so. So muss ich all meine Marketing-Fähigkeiten aktivieren. Zuallererst die Bedarfsanalyse (hihi, anal). Meine Eltern sind jeweils sehr unterschiedlich, deswegen fällt ein gemeinsames Geschenk schon mal flach.

Während meine Mutter Beamtin aus Überzeugung ist, arbeitet mein Vater als erfolgreicher Hirnchirurg, ob er will oder nicht. Denn auch er betreibt diese Tätigkeit nur mit Widerwillen. Ja, du liest richtig, liebes Tagebuch, auch mein Vater verdingt sich in diesem schrecklich stupiden, unkreativen Beruf. Bevor meine Mutter mich genötigt hat, diesem Studium nachzugehen, hat sie bereits meinen Vater dazu gezwungen. Woran das liegt? Meine Mutter stammt von fahrendem Zirkusvolk ab und suchte nach jahrelanger Unbeständigkeit zwanghaft nach totaler Vorhersehbarkeit und uneingeschränkter Routine. Nach Schwedt an der Oder zu ziehen und mit dem Rauchen anzufangen reichte ihr dabei nicht, am vorhersehbarsten Ort der Weltgeschichte zu leben und schlechte Gewohnheiten waren nichts im Vergleich zu Traditionen und Generation übergreifenden Dynastien. So kam es also zu diesem Medizin-Ding. Außerdem ist Mutti der Meinung, Medizin wird es immer geben. Und wenn nicht, dann zumindest die Pharmaindustrie.

Dabei schlummert – zumindest seiner Meinung nach – ein begnadeter Grusel-Romancier in meinem Vater, der es gar nicht erwarten kann, auszubrechen. Allerdings deuten seine ziemlich dünn gestrickten, fantasielosen Settings schon an, wie kümmerlich es um sein Potenzial steht, die wirklich großen Geschichten zu schreiben. Es gibt da dieses Buch, an dem er an jedem Sonntag herumtippt, während im Hintergrund die „Lindenstraße“ dudelt. Es geht um einen Werwolf, der tagsüber als erfolgreicher Neurochirurg jobbt, um seine Familie notdürftig über Wasser zu halten. Doch nach Einbruch der Dunkelheit verwandelt er sich in einen Vampirschriftsteller und frönt seiner eigentlichen Passion, nämlich dem Verfassen von Gruselromanen. Die Message dahinter ist „Bleib’ immer du selbst“ und das Ganze spielt in einer Münchner Neubaumietwohnung. Du siehst jetzt vielleicht, was ich mit Fantasielosigkeit meine.

Aber er hat immer noch genügend Spirit, um mich in meinen Träumen zu motivieren. „Lebe deinen Traum, Celebrity Jane. Selbst wenn es BWL ist.“, sagt er mir jedes Mal, kurz bevor er mich am Schwedter Bahnhof-Mitte verabschiedet. Dann fügt er immer nach einer kurzen künstlerischen Pause hinzu: „Talentiert was Tabellenkalkulation und Leuten Geld aus der Tasche zu quatschen sind vielleicht viele, aber du, mein Schneeflöckchen, bist begnadet.“ Dann drückt er mir einen Zwanziger in die Hand, ich sage, ich brauche die nicht, darauf gibt er mir nen Fünfziger. Und so endet unser traditionelles Tänzchen auf diesem Bahnsteig am äußersten Rand der Uckermark.

Meine Mutter wiederum hält nichts von meinen Visionen. Ihr Credo lautet eher: „Wer viel hat, hat vor allem viel zu verlieren.“ Deshalb war sie auch beruhigt, dass ich erfolg- und perspektivlos im Call Center malochte und mit unfreiwilliger Konsequenz alleinstehend war. Hartz IV und ein prügelnder, chronisch fremdgehender Ehemann wären ihr eigentlich noch lieber gewesen, aber man kann eben nichts alles haben. Du darfst meine Mutter da echt nicht falsch verstehen. Eigentlich wollte sie ja nur mein Bestes, indem sie mir nur Schlechtes an den Hals wünscht. So wird man wenigstens nicht enttäuscht oder überrascht. Auf eine verschrobene Art und Weise ist das auch nur grundlogisch. Aber warum macht es dann trotzdem nicht glücklich und zufrieden?

So sind die nun also. Meine Eltern. Wäre dies ein Film, dann wäre er bestimmt äußerst romantisch, weil sich Zwei gefunden und geheiratet haben, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein können. Aber das hier ist kein Film, sondern – wie wir alle wissen – ein reales Tagebuch. Und da sollte man in erster Linie fragen: Denkt eigentlich auch mal jemand an die Kinder, die diesen bipolaren Genpool eines Tages mal ausbaden sollen? Das sind dann nämlich so jemande wie ich, deren innere Widersprüche schon ganz schrumpelig geworden sind und der sich nicht zwischen der soliden Schulmedizin und der schöngeistigen Betriebswirtschaft entscheiden kann. .

Aber zurück zum Thema. Ich beschließe, dass sie einfach jeweils ein Probe-Abo des konservativ-liberalen Blattes bekommen, für das ich telefoniere. So wie jedes Jahr. Meine Eltern mögen das, auch weil sie die Garantie haben, dass ich in Kürze mal wieder anrufe, spätestens wenn die letzte Ausgabe geliefert wurde.

Meiner Mutter im Speziellen wird es gefallen, weil es so regelmäßig kommt und mein Vater kann sich einfach das Feuilleton unter den Arm klemmen und vor seinen proletarischen Chefarztkollegen einen auf intellektuell machen. So habe ich schon oft versucht, Abos an den Mann zu bringen. „Sie müssen die Zeitung ja gar nicht lesen. Als modisches Accessoire unter den Arm klemmen reicht völlig. Auch um Frauen zu beeindrucken. Betrachten Sie unsere Zeitung einfach als die Clutch des BWLers.“ Tja Tagebuch, ich habe auch keine Ahnung, warum ich nie was verkaufe.

Aber egal, wenigstens habe ich alle Geschenke zusammen und bin schon ganz aufgeregt, was ich bekomme. Wie ich Edgar kenne, wird es wohl wieder was Ideellles werden. Was nichts kostet, weil er zwar wieder darauf spekuliert hat, in letzter Minute doch noch zu Reichtum zu kommen, aber es wird sowieso nicht klappen. Wie jedes Jahr arbeitet er unter dem Pseudonym Lars Christmas daran, einen kultigen Weihnachts-Hit mit dem Titel „Glückwunsch Jesus! Feier schön!“ zu schreiben, um fortan von den Tantiemen leben zu können. Boah, Lars Christmas. Dass er im Jahr 2014 immer noch ‚Swag‘, das Jugendwort des Jahres 2011 verwendet, lässt sich an Uncoolness schon nicht überbieten, aber Lars Christmas, dieses Wortspiel wäre selbst den 90er Jahren am Ballermann zu würdelos.

Das letzte Mal, dass Edgar als Hit-Komponist in die Analen der Pop-Geschichte eingehen (hihi, Pop… da steckt das Wort Po drinne) wollte, war übrigens im Sommer mit ersten Skizzen eines WM-Songs. Edgar hatte fleißig recherchiert und herausgefunden, dass es in diesem Jahr besonders viele Spielernamen gibt, auf die es sich reimen lässt. Außerdem ist ein Trainer mit dem Namen Jogi Löw ja wohl lyrischer Goldstaub und diente sich an für zahlreiche famose Titel und Zeilen wie „Whole Lotta Löw“, „Are You Ready For Löw“, „This Is Not A Löw Song“ und last but not least „Dance The Jogi-Poki“. Es hätte also sehr wohl klappen können, nur fand Edgar einfach keinen Reim auf „kicken“.

Aber nun Tagebuch, die Adventsstimmung ruft und wenn ich mich nicht beeile, kriege ich wieder nichts ab. Habe eine schöne Woche und lass dich vom Weihnachtsrummel nicht allzu sehr stressen.

Bis bald und herzallerliebst, Celebrity Jane

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