#15: …Is That All There Isn’t?…

(Edgar)

Liebes Tagebuch,

es ist Montagmorgen, meine polyesterumsäumten vier Buchstaben räkeln sich lethargisch auf einem bundesweit normierten Drehstuhl, das letzte gestrige Glas Rotwein und die erste heutige Zigarette spielen merklich Cello auf meinen Stimmbändern und auf meinem Kopf thront ein adipöses Ungetüm aus Haar, Klemmen und Headset, das sich nur noch beschreiben lässt, als: Da hat ein Blinder hingeschissen.

Ja, da bin ich wieder. Die einen nennen es augenzwinkernd Telefonmarketing, die, die’s machen müssen augenrollend Call Center. Ich weiß, ich sollte dankbar sein, schließlich gibt es Länder, da haben die Kinder gar keine Arbeit, aber ich mag heut’ einfach nicht und ich habe die seltsame Ahnung, dass ich morgen auch nicht wollen werde und spätestens übermorgen werde ich nicht mehr unterscheiden können, ob ich gestern oder vorgestern nicht wollte und ob es überhaupt einen relevanten Unterschied zwischen beiden Tagen gab.

Ich schätze, liebes Tagebuch, ich hab’ ne Krise. Eigentlich bin ich mir dessen sogar ziemlich bewusst. Alles fing damit an, dass Bauarbeiter im Zuge von Renovierungsarbeiten meine Türklingel ausgewechselt haben. Dass wir uns da nicht falsch verstehen, ich finde das wirklich alles andere als schlimm. Seit ich hier eingezogen bin, ging mir das Biest auf die Nerven. Mit diesem unpersönlichen, industriellen Schnarren franste es mir jedes Mal Härchen im Gehörgang aus, krümelte Synapse um Synapse mit negativen Assoziationen zu und gab mir das ständige Gefühl von schlechtem Gewissen, ähnlich diesem Gefühl, wenn auf der Straße ein Polizeiwagen an einem vorüber fährt, obwohl man sich gar nichts zu Schulden kommen lassen hat. Ich sag’ dir, da hätte Tori Amos auf einem Einhorn klingeln können, meine schlechte Laune hätte keine Ausnahme gemacht.

Allerdings gab’ es dieses winzige Detail, dass mich doch irgendwie versöhnte, denn es handelte sich dabei genau um dieselbe Klingel wie die von Carrie Bradshaw aus „Sex And The City“. Damals betrachtete ich das als pures Schicksal, als Karma, als ein Zeichen. Ich fühlte mich wie auserwählt. Bei all unseren Ähnlichkeiten hatten wir sogar noch die Türklingel gemein. Mit der Zeit, als von dem ganzen Karma nichts als Pech übrigblieb, schlug diese Euphorie jedoch ins Gegenteil um. Während die Typen, die Carrie anzog immer charismatischer wurden, wurden die Klamotten, die sie dabei auszog immer teurer, und es konnte sich nur noch um Episoden handeln, und sie hätte ihr großes Ziel von einem eigenen Buch erreicht.

Ich hingegen wohnte immer noch in meiner grauen Jogginghose Größe 40 und einer Wohnung, die auch nicht viel größer war. Bei meinen homoerotischen Romanzen, Homanzen quasi, handelte es sich um zufällige Online-Flirts, die sich entweder nur für meinen Körper oder nur für meinen Charakter interessierten. Beide Versionen schienen mir gleichermaßen unbefriedigend. Um zumindest ein letztes bisschen Schein und Würde zu bewahren, kippte ich in regelmäßigen Abständen Kaviar das Klo runter, damit die Ratten in der Kanalisation nicht auf die Idee kamen, bei mir würde es irgendwie an Glamour fehlen.

Im Laufe der Zeit hatte sich diese Klingel vom repräsentativen Wahrzeichen Carries und meiner Seelenverwandtschaft zu einem unsentimentalen Zufall entwickelt und zur einzigen Gemeinsamkeit die Carrie Bradshaw und ich noch hatten. Und nun war diese auch noch von der Tür zu meiner kleinen Welt montiert worden, um ersetzt zu werden durch eine digitale Klangbastelei aus einer penetrant Dur durchtränkten Melodei, die an das Gezwitscher bumsfideler, angeschäkerter Spatzen erinnerte.

Alles in allem habe ich mir mein Leben so irgendwie nicht vorgestellt. Ich bin bereits 38, nächstes Jahr werde ich wieder 38 werden und das Unbeschwerteste an mir war meine Türklingel. Selbst Celebrity Jane ist dieser Tage fröhlicher als ich, dabei ist die auch ständig am Rumbocken wegen ihrer Niedlichkeit. Es vergeht kein Tag, dass ihr beim Zigarettenkaufen nicht irgendein Späti-Verkäufer vor Verzückung in die Wangen kneift, bevor er sie nach ihrem Ausweis fragt. Damit hat es diese dämliche Türschelle tatsächlich auch noch geschafft, mir nicht nur meine zweite Identität zu klauen, sondern auch noch meine Rolle in diesem Duo.

Bis jetzt war ich doch immer der Relativ-Gut-Gelaunte in unserem Zweiergespann. Miesmuffeliges Genörgel steht mir einfach nicht. Das macht nur unnötig kleine Augen und viel zu viel Arbeit. Denn um zu Nörgeln muss man erstmal was zum Nörgeln haben und dafür muss man sich informieren und dazu muss man lesen. Und dazu bin ich ja nun völlig unbereit. Das Schlimmste daran ist, dass selbst wenn ich jetzt den Part des Dauermäklers übernehme, wäre Celebrity Jane trotzdem besser.

Sie hat es einfach drauf. Die Buchstaben jeglicher Zeitungen und Bilder im Fernsehen inhaliert sie mit ihren muskulösen Augenwinkeln, nur um in Sekundenschnelle jede negative Facette aus ihnen heraus zu puhlen. Es ist ein Naturschauspiel, ihr dabei zuzuschauen, wie sie es schafft, nach nur einem Blick ins Politikdossier die Deutsche Bahn so zu verteufeln, dass man den Verdacht bekommt, die würden mit Hundewelpen heizen.

Dabei hat sie eigentlich keinen Grund, sich ausgerechnet über die Bahn aufzuregen, schließlich fährt sie den lieben langen Tag nur U-Bahn, ist also in keiner Sekunde von den Bahnstreiks betroffen gewesen. Dementsprechend, Tagebuch, kannst du dir vielleicht vorstellen, was los war, als sie herausfand, dass Helene Fischer im neuen Til-Schweiger-Tatort mitspielt.

Boah, wie konnte ein äußerlich so putziger Mensch nur so gemein sein? ‚From Dusk Til Schweiger’, ‚Der Kein-Wort-Tatort’ oder ‚Schweigertochter gesucht’ waren nur ein paar der Spötteleien, die sie sich einfallen ließ. Aber schließlich stellte sie auch noch die Theorie auf, dass wenn es eine Diät gäbe, bei der man nur konsumieren dürfte, für was Helene Fischer gerade Werbung macht, man innerhalb einer Woche mindestens 10 Kilo zunehmen würde und mit dem Konto so weit ins Minus geriete, dass man eigentlich schon wieder im Plus wäre. Okay, damit könnte sie durchaus Recht haben. Aber fies war es trotzdem. Ich könnte so was einfach nie.

Meine Talente liegen woanders. Verdrängung, Drumrumreden und notorisches Nachvornsehen. Hinsehen gehört nicht dazu. Aber nun hat meine Befindlichkeit der dunklen Seite wenn auch nur für einen kleinen Spalt das Tor geöffnet und es gibt kein Zurück mehr. Vielleicht ist es tatsächlich ein Zeichen, vielleicht wirken die Farbdämpfe auch nur endlich, die im Zuge der Bauarbeiten ätherisch durch mein Treppenhaus bis hinein in meine Wohnung flirrten, vielleicht habe ich nur einen schnöden Mutterkomplex oder einen Faible für Frauen mit großen Haaren, aber in der vergangenen Nacht habe ich zu diesem Thema von Dolly Parton geträumt.

Sie trug einen weißen, strassbesetzten Hosenanzug, Stiefel aus original venezianischem Murano-Glas und spielte „Islands In The Stream“ vor meinem Neuköllner Lieblings-Discounter. Ich wollte eigentlich nur schnell frische Internetaktien und kalorienfreien Fonduekäse kaufen (ja, es ist schließlich ein Traum, da gibt es auch kalorienfreien Fonduekäse), da packte mich die blonde Country-Ikone sacht am Arm und zog mich zur Seite. Sie lachte noch schnell ihr mädchenhaftes Heliumlachen, dann drückte sie mir einen Zettel in die Hand und schubste mich in den Supermarkt.

Als ich mich in sicherer Entfernung wähnte, zückte ich das Blättchen, faltete es auseinander und las: „It costs a lot to look this cheap“. Häh? Hatte ich denn jetzt selbst in meinen Träumen Pech? Da traf ich einmal Dolly Parton und dann erzählt sie nur Mist. Aber ich hätte es wissen müssen. Dolly war mir in der 13. Klasse schon einmal erschienen und verriet mir die Lösungen für meine Mathe-Abitur-Prüfung. Ich empfehle dir eins, Tagebuch, sollte Dolly Parton eines Tages in deinen Träumen auftauchen und dir versichern, sie würde dich ganz easy durchs Abi bringen, dann dreh dich um und schlaf einfach weiter. Zwar bestand ich, aber nur sehr, sehr knapp und mein Lehrer erzählte mich auf dem Abschlussball immer noch schwer gezeichnet, dass er Mathematik so noch nie gesehen hatte.

Wie dem auch sei. Obwohl ich dankbar sein sollte, dass Dolly Parton bei ihren Konzertpreisen kostenlos in meinen Träumen spielt und wenn sie mich billig nennt, hat sie damit ja auch nicht unrecht. Dennoch ist mir natürlich klar, welche tiefere Botschaft sich dahinter verbirgt. Wenn Dolly schließlich für irgendetwas steht, dann doch den Beweis, dass es immer noch hübscher geht, selbst wenn es gerade noch so unhübsch ist. Alles was es braucht, sind drei Dinge: Silikon, Glitzer und ne Meeenge Haarspray. Oder übertragen auf meinen Fall: Auch wenn’s grad nicht so läuft, dann muss man es eben einfach schönreden. Vielleicht soll genau das mein nächstes Talent werden. Schönreden. Nach dem Drumrumreden vorher.

Das wäre eine kreative Herausforderung und definitiv eine Weiterentwicklung. So als könnte man schon häkeln und fängt jetzt noch mit dem Stricken an. Keine Ahnung, warum mir gerade dieses Bild einfällt. Mit der Option, die Realität zu pimpen, wär’ alles gleich viel einfacher. Dann wäre die Wirklichkeit gar nicht mehr grau, sondern getüncht in stylishes Animal Print im Mausmuster. Und der GDL-Streik ist nur ein weiteres spannendes Abenteuer vom kleinen Merkelinchen, das herausfinden will, wo das böse Krokodil die Lokomotiven versteckt hat. Und der Fischer-Schweiger-Tatort … Nun ja, ich finde, solange Helene Fischer nicht von Til Schweiger gespielt wird, kann noch nicht alles zu spät sein. Du siehst, eine gewisse Begabung ist vorhanden. Aber nun. Ich muss weitermachen. Schließlich arbeite ich immer noch im Call Center. Oder sollte ich besser sagen: Ich mach’ was mit Medien?!

Einen kuscheligen Tag wünsche ich noch.

Dein Edgar

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