#12: …Breakfast Epiphany…

(Edgar)

 

 

Tagebuch,

du merkst, ich tue gerade wirklich alles, um tapfer zu wirken, aber es lässt sich nicht verleugnen, die geistige Gesundheit hängt mir immer noch gewaltig in den Knochen. Es ist gerade mal acht Uhr morgens, der erste Kaffee wirkt bereits aber ich bin jetzt schon von mir gelangweilt. Dabei muss ich auch noch mindestens 12 Stunden ausharren, bis ich wieder schlafen gehen darf, um jeglichen Verdacht auf depressive Verstimmungen zu zerstreuen.

Vielleicht sollte ich mir einen spannenden Zeitvertreib suchen. Handarbeiten oder eine neue Sprache lernen oder wenn das nicht klappt, wenigstens ein Aquarium. Aber im Prinzip würde das das Problem auch nicht lösen. Selbst, wenn mir nicht mehr langweilig war, dann war ich’s trotzdem noch. Ich brauchte vielmehr eine spannendere Persönlichkeit, nicht auf die besessene, freakige Tour, eher so als sporadisches, preiswertes und platzsparendes Hobby für Regentage und das Wartezimmer beim Hausarzt. Und wer weiß, vielleicht lässt sich dieses Hobby eines Tages auch zum Beruf machen.

Meinem Feierabend-Alter Ego würde das definitiv nicht schwerfallen, schließlich hatte sie alles, was es brauchte und alles, was ich selbst nicht hatte – Talent und ne Menge altes Geld. Und Erfolg. Und Probleme, viele Probleme. Oh ja, in dieser Welt hatte ich das Sagen. Und in einer Welt, in der Edgar Pflaume das Sagen hatte, hatte er Herrgott noch mal Probleme. Doch trotzdem dieses Alter Ego alles hatte, was es sich nur wünschen könnte, umwehte es selbstverständlich dennoch dieser bittersüße Hauch von Tragik und die Ahnung auf einen viel zu frühen Untergang (naja obwohl, kann ein Untergang jemals zu pünktlich oder gar zu spät kommen?) …

Es war ein lauer Oktobertag im Jahre 1968 als ich, Cosima A. von Schmuddelwitz, das Licht der Welt erblicke. Das A in A. steht übrigens für Applaudia. Schnell muss ich lernen, was es bedeutet, wohlhabend und von Schöngeist verwöhnt aufzuwachsen, schließlich entstamme ich väterlicherseits einem alteingesessenen Adelsgeschlecht und seitens meiner Frau Mama einer Dynastie zertifizierter Groschenromanautorinnen. Die in der Regel 25 bis 30seitige Saga „Eine Vorstellung von Glamour oder Liebe kennt keine Regieanweisungen“ hatte sich über die Generationen meiner Familie hinweg ihren Platz an Bahnhofskiosken und auf den Nachttischen gesetzter Damen erobert. Darin erzählt wird die Geschichte der talentierten Jungschauspielerin Pastelle-Yvette, die an einem mittelmäßigen Provinztheater den großen Traum vom Ruhm träumt und ganz nebenbei zwischen zwei Männer gerät. Auf der einen Seite steht der mittellose und deshalb komplett korrumpierbare Komparse Sascha, auf der anderen Seite Götz, der auffallend reiche und sensible Altregisseur, der Yvette-Pastelle aufrichtig liebt und aus Respekt vor ihr sogar seine dritte Ehefrau verließ. Allerdings macht ihn das in ihren Augen einfach zu nett. Alles in allem also eine Geschichte voller Romantik, allerdings geht es noch viel mehr um ausgelebten Hormonhokuspokus und allerhand zweideutige Situationsbeschreibungen.

Doch obwohl millionenfache Fanscharen in elaborierten Zopfmustern, 4711 und in nicht unerheblichen Dunkelziffern das Erscheinen der nächsten Episode erwarten und es für mich auch sonst nicht besser laufen könnte, will ich einfach mehr. Oder wenigstens was anderes. Meine minder ambitionierten Geschwister nennen es intellektuell, unnötig aufwendig und irgendwie auch zu arty, ich hingegen den Konjunktiv I und literarischen Anspruch im Allgemeinen. Zwar lässt sich nicht verleugnen, dass „EVVGOLKKR“, so wie es von den Fans liebevoll genannt wurde – die Auflagen in der Tat übererfüllt, jedoch muss man ebenfalls zugeben, dass das Gesamtwerk sprachlich wie inhaltlich einer lauwarmen Vorspeisenvariation aus Sein und Haben überdurchschnittlich ähnlich ist.

Natürlich habe ich immer wieder versucht, meine feinsinnige Handschrift wenigstens im Detail zu hinterlassen, wenn ich das Gesamtkonzept schon nicht beeinflussen kann. Doch meine geistreichen Experimente, wie z.B. eine erotische Szene einzuleiten mit dem frivolen Scherz: „Guten Tag, ich bin Publizist und soll hier ein Buch verlegen.“ stieß beim Rest meiner fantasielosen Sippe lediglich auf Spott und Häme.

Deshalb ist es mir bis heute nicht gelungen, auch nur eine einzige dieser Groschenerzählungen zu Ende zu bringen Und ehrlich gesagt, ist mir das auch ganz recht so, ebenfalls meinem Schöpfer Edgar Pflaume. Der fand die ganze Nummer mit diesen Heftchen von Anfang an öde und weil er Herrscher über die Handlung war, legte er meine Frauenromankarriere kurzerhand ad acta.

Und nun? Nun kann ich mich endlich meiner eigentlichen Passion widmen. Immer schon wollte ich Verfasserin von Kinderbüchern werden. Sogar als ich selbst noch ein Kind war. Zwar waren mir die Eigenschaften, die es dafür brauchte, nicht gerade in die Wiege gelegt, aber das macht die Herausforderung eben umso spannender. Und mal ehrlich, was eine Madonna kann … das kann eine Cosima Applaudia von Schmuddelwitz nicht abhalten. Meine Intention als Künstlerin ist dabei nicht, von Siegertypen zu erzählen, oder zu vermitteln, dass man alles erreicht, wenn man nur genug kämpft, nein, ich will in meinen Geschichten zumindest darauf vorbereiten, dass es auch richtig in die Hose gehen kann. Dazu begibt sich das Publikum in die Welt der ins Abseits Geratenen, genauer gesagt in diesen kleinen Kreis derer, die nur eine Nebenrolle in ihrem eigenen Lebensfilm spielen, weil es ihr einziger, unbewusster Charakterzug es ist, andere Menschen am Zufriedensein zu hindern, und sei es auch nur, weil sie schlicht und ergreifend nerven. In ihrer Welt heißen sie die Allianz der Aus-Versehen-Antagonisten.

Es handelt sich dabei um einen kleinen Kreis von Antihelden, angeführt von einem ambivalenten Wesen mit dem Namen Ma’riech’n?!-Käfer. Eigentlich könnte er ein ganz normaler, glücklicher Mariechenkäfer sein, aber nach Einbruch der Dunkelheit oder am Wochenende, wenn er schon tagsüber getrunken hat, kann er seine latente Gewaltbereitschaft nicht mehr im Zaum halten und hält jedem als Drohung bei verfinsterter Miene seine Faust unter die Nase und fragt nur provokant: „Ma’ riech’n?!“

In seinen Adern fließt im wahrsten Sinne des Wortes europäisches Blut. Seine Vorfahren kamen entweder aus Irland oder Italien, deswegen hat er eine betuliche Obsession für den Buchstaben i. Man kann also nur raten, aus welchem Hause sein Laptop und sonstige Unterhaltungselektronik stammen. Zudem ist er zwar ein großer Bewunderer von Industrie- und Informationsgesellschaft, kann aber mit Agrar- und Servicesektor nicht viel anfangen. So hat er zwar mobiles Internet, verweigert sich aber einem telefonischen Kundenberater bei seinem dazugehörigen Mobilfunkanbieter. Und kulturell, kulturell konsumiert er ausschließlich Gemälde aus dem Impressionismus und Indie-Musik, und auch da nur Interpol und Ian Curtis, den Sänger der Musikgruppe Joy Division.

Seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen sind ähnlich verschroben. Da gibt es beispielsweise Elitessa. Das verwöhnte Prinzesschen wohnt in einem eingekrachten Elfenbeinturm und hält mit ihren Attitüden auf der einen und mangelnder Gruppenbeteiligung auf der anderen Seite regelmäßig den ganzen Verkehr auf. Ebenfalls dabei: die Zwillingsschwestern Miss Magic Moment und Miss Black Magic Moment. Miss Magic Moment kennt Liebe ausschließlich aus Filmen mit Christine Neubauer, Miss Black Magic Moment lediglich aus der Tagesschau. Erstere vernebelt ihrem Umfeld mit ihren Lobliedern auf ewige Romantik kurzzeitig das Hirn und führt so nach deren Erwachen zu enormen Scheidungsraten. Die andere schreckt ihre Mitmenschen mit ihren apokalyptischen Ansichten so sehr ab, dass sie sich gar nicht erst trauen, sich ineinander zu verlieben. So gefährdet sie den Fortbestand der Menschheit zu bestimmten Zeitpunkten sehr ernsthaft.

Die nächste vom Leben verbummelte Schicksal gehört dem www-, bzw. Was-wäre-wenn-Wolf. Seine Mission ist die Demotivation oder einfach das jeden-Spaß-verderben und seine Superkraft der Konjunktiv II. Während andere Pläne schmieden und Dinge nach vorn bringen wollen, sitzt er nur daneben und zählt auf, was schiefgehen könnte. Dieser Zeitvertreib beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Gegenwart und die Zukunft, sondern ebenfalls auf die Vergangenheit. Wenn alle anderen über einen ereignisreichen Abend oder ihr schönstes Ferienerlebnis resümierten, fuhr der www-Wolf mit seinen Horrorszenarien in die Parade, was alles hätte passieren können. Jeder kann wohl verstehen, dass ihn das nicht gerade zum Sympathieträger macht. Außer ihm. Natürlich.

Weitere Mitglieder der aus-Versehen-Antagonisten-Allianz sind übrigens die verkloppte Wunschfee und der egomane Ichster. Da fehlen mir aber noch die Details. Ich finde, langsam reicht’s auch. Zuviel kann man vor dem dritten Kaffee einfach nicht verlangen.

Und damit gebe ich zurück an die Rahmenhandlung und wünsche einen erfolgreichen Tag.

Mit freundlichen Grüßen Cosima Applaudia von Schmuddelwitz aka. Edgar Pflaume

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