#11: …Le Vin Nous Portera…

(Edgar)

 

 

Na Tagebuch?!

Da bin ich wieder. Zwar immer noch nicht gesund, aber zumindest gesünder als vor einer Woche. Wie’s scheint, verabschiedet sich die Magen-Darm-Grippe eher in Einzelteilen. Magen und Darm sind bereits weg, die Grippe hingegen hält sich hartnäckig. Aber so eine verschnupfte Stimme hat in einem Call Center schon gewisse Vorzüge. Man klingt dann nämlich sehr wie Bono, dem Sänger von U2. So was lernt man hier schon in der Eingangsschulung. Geschlechterübergreifend klingt dieser zu Folge eine verschnupfte Stimme wie Bono, eine verkaterte wie Tom Waits und eine auf Helium wie Barry White, aber in ganz, ganz, gaaanz hoch. Aus diesem Grund kriegt man als Starterkit zusätzlich zum üblichen Kugelschreiber und dem Schreibblock auch eine Flasche edlen Whiskey dazu. Jeweils mit Firmenlogo.

Aber was ich eigentlich erzählen wollte… Tagebuch, was soll das? Ich war zwei Wochen krank und bin immer noch nicht berühmter. Während der letzten 14 Tage verbrachte ich damit, Interviews mit mir selbst zu führen, um sie dann auf fiktiven Lifestyle-Blogs hoch zu laden, nicht ohne sie mit Tags zu versehen wie ‚#Terror, diesmal echt Alter’ oder ‚#Wir klauen euer Öl und machen bloß Margarine draus’, um darüber ausgespäht zu werden. Aber nüscht. Ich meine, mittlerweile täglich erzählen sie einem von der NSA und Spionage und so, aber wenn’s dann einmal wichtig ist. Mein #Gott, wenn alle Unternehmen so trantütig arbeiten würden, dann säßen wir heute noch auf Bäumen und würden unsere Gefühle ganz ohne Emoticons ausdrücken.

Die Trantüten hier sind aber auch nicht schlecht. Ich arbeite bereits einige Jahre für diese Firma hier, das heißt im Klartext, meine Haare klemmen bereits in jedem Headset. Es ist also ein Kinderspiel, mich zu klonen, aber ist etwa irgendeine von den Schnarchnasen mal auf diese Idee gekommen? Nö. Boah, ich sag’s dir, wer solche Kollegen hat, braucht keinen schlechten PR-Berater mehr.

Auf der anderen Seite ist es aber vielleicht gar nicht so schlimm, dass ich noch nicht berühmt bin, sondern frühestens im nächsten Quartal. Es gibt nämlich noch viel zu tun. Nicht etwa Schauspielunterricht nehmen oder ein Instrument lernen oder so was Einfallsloses. Nein, ich habe recherchiert und herausgefunden, dass ich für einen richtigen Star geistig einfach zu gesund und damit zu langweilig bin. Magen-Darm bringt da medial nicht viel. Leider. Ich habe hin- und herüberlegt, aber weiter nichts gefunden. Da is‘ echt Null. Ich bin ein soziologisches Billy-Regal. Dass ich mich selbst von anderen unterscheiden kann, grenzt an ein Wunder. In meiner DNS steht das D für durchschnittlich, das N für normal und das S für sexuell entschlossen oder schwul, wie die Kids heutzutage sagen. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Leider ist es sowohl meinen Eltern als auch meinen Lehrern nie aufgefallen, dass ich schon als Kind für mein Alter viel zu verhaltensunauffällig war. Vielleicht haben sie auch einfach weggeschaut. Dabei mussten sie sich doch fragen, wie ein mittleres Kind nur so gute Laune haben konnte.

So drehte sich die Normalspirale gnadenlos weiter. Laut meiner Zeugnisse galt ich als „aufgewecktes Kind“ und „stets bemüht“, im Sportunterricht wurde ich von unserer 15köpfigen Mannschaft immer als 8. ins Team gewählt, beim „Welcher Sex And The City-Charakter bist du?“-Test bin ich heute noch Carrie und auf meinem Wahlzettel tippe ich immer auf irgendeine Farbe aus der Mariechenkäfer-Skala und habe damit noch nie falsch geraten.

Du siehst Tagebuch, es wird ein echter Kampf, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Aber vielleicht würde es auch schon reichen, nur zu versuchen, die passende Macke für sich zu finden, denn allein das Durchwühlen der einzelnen Möglichkeiten, die schier unendlich scheinen, können einen potenziell in den Wahnsinn treiben. So könnte ich meine Suche auch gleich abkürzen, in dem ich sie ewig hinauszögere. Dann hätte ich eben Prokrastination oder wie man‘s auch nennt: Aufschieberitis. Aber das ist selbst mir zu einfach. Nichtsdestotrotz ist es für eine schlimme Kindheit einfach zu spät, deshalb entschloss ich mich zu einem Crash Kurs, indem ich zu Forschungszwecken die neurotischste Person aufsuchte, dich ich in freier Wildbahn kannte: Celebrity Jane Schröder.

Wirklich keiner beherrscht die Klaviatur des Frontalhirns besser als meine Arbeitsehefrau. Und das Schöne war, dass sie sich dessen gar nicht im Klaren war. Für sie waren alle außer ihr selbst die Bekloppten. Würde das Arbeitsamt eine Umschulung zu Celebrity Janes Neurosengärtner anbieten, ich würde diese Maßnahme sofort annehmen. Alles was man im Grunde tun musste, war, diese Neurosen einmal pro Woche mit billigem Weißwein zu gießen und ihre Gedanken mit Worst-Case-Szenarien zu versorgen, dann lag sie tagelang flach. Wie auch am heutigen Abend auf meinem Balkon.

Wir haben gerade ein paar Folgen ihrer Lieblingstelenovela, der „Tagesschau“ gesehen (Alter, wer schreibt denn da die Gags? George Orwell???), da bemerke ich auch schon, wie der Weltschmerz ihre Synapsen erst verstopft und dann runterzieht. Depressionen fallen also schon mal raus. Die sind mir einfach zu deprimierend. Außerdem die ganze Vorbereitung und dieses sich immer wieder beweisen, dass auch wenn das Leben manchmal vielleicht ganz schön sein kann, die Welt dennoch ein gruseliger Ort ist … dazu bin ich zu lethargisch und mein Verdrängungsmechanismus ist zu ausgeprägt.

Überhaupt soll ich während des Abends bemerken, dass ich für Geisteskrankheiten offenbar generell zu faul und zu unflexibel bin. Zwangshandlungen beißen sich mit meinem ADHS, für Manien bin ich zu schüchtern und selbst meine Lieblingskrankheit Asperger passt einfach nicht zu meinen Anziehsachen.

Nein, ich glaube, ich werde das Feld räumen und Celebrity Jane den Titel der Meisenkönigin überlassen, schon, weil sie sich im Hintergrund gerade als Faradayscher Käfig verkleidet. Panische Angst vor Blitzen, verstehst du Tagebuch? Es ist zwar noch gar nichts passiert, aber im Wetterbericht wurde gerade gemeldet, dass ein Gewitter in Südfrankreich aufgezogen sei und wie man weiß, könnte es nun nicht mehr lang dauern, bis es auch hier in Neukölln angekommen sei.

Ach, Celebrity Jane, dieses pittoreske Sträußchen leicht angewelkter Neurosen und verpuppter Psychosen würde eines Tages noch die stark von ihr faszinierte Clarice Starling bei der Suche nach schwerverbrecherischen Psychopathen unterstützen. Also sieh dich vor, Erfinder der Schriftart Comic Sans.

Ich hingegen werde wahrscheinlich das einzige tun, was mir übrigbleibt, nämlich lernen, mit meiner geistigen Gesundheit zu leben und meine eigene Normalität zu akzeptieren. Und wenn nicht, mache ich einfach nen Trend draus und werde, das erste Idol der Menschheitsgeschichte ohne Probleme. Das ist mir irgendwie lieber, als jede Enttäuschung in meinem Leben mit einer gewissen Nervigkeit so zu vermarkten, also ob es ansonsten nichts über mich zu erzählen gäbe. Außerdem, wenn man’s immer sofort ungefragt erzählt, sieht’s gleich gar nicht mehr cool aus.

Statt also dauernd zu fragen „Sind wir nicht alle etwas gestört?“, um sich damit Aufmerksamkeit und Individualität zu versichern (zwei völlig normale menschliche Bedürfnisse übrigens), frage ich stattdessen und genau deswegen: „Sind wir nicht alle ein bisschen gesund?“. Ich hab’s ausprobiert. So schlimm ist das gar nicht.

Viele Grüße und bleib gesund, liebes Tagebuch

Dein Edgar

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