#10: …Diese Salmonellen wurden von einem eiBROT© versendet…(2)

(Celebrity Jane)

 

Liebes Tagebuch,

Edgar ist immer noch krank und ich stehe immer noch in diesem Buchladen. Ich weiß, es kommt ein paar Jahre zu spät, aber ich lese gerade endlich mal in diesem „Shades Of Grey“ herum … Naja, was heißt ‚endlich’?! Bis jetzt habe ich mich ja nur so drüber lustig gemacht, aber ehrlich? So was steht da drin? Ich finde das ziemlich skandalös. Also nicht das mit sich aus Spaß beim Geschlechtsverkehr vermöbeln. Das ist mir egal. Sex sieht in seiner Grundstruktur an sich schon ziemlich seltsam aus (Pfff, ich meine, allein die Idee…), da kommt’s auf so ne Werkbank im Hintergrund auch nicht mehr drauf an. Aber hat sich mal jemand diese Rollenklischees näher angeschaut? Mehr 50er Jahre geht ja nun wirklich nicht mehr.

Praktikantin verliebt sich in geschäftsführenden Millionär mit komischen Schlafzimmerneigungen. So weit, so gut. Und es lässt sich auch gar nicht leugnen, dass in diesem Buch öfter mal ne Reitpeitsche beschrieben wird, aber gefühlt ähnlich häufig erwähnt werden auch Privathubschrauber, Luxusimmobilien und teure Geschenke. Aus nachvollziehbaren Gründen bezweifle ich also stark, dass sie genau scharf draufkäme, wenn sie sich von Edgar oder von mir in eine Neuköllner Einzimmerwohnung einsperren ließe, um sich dort für Selbstgebasteltes vorschreiben zu lassen, wann sie zu essen oder Pipi zu machen hat und das U-Bahnticket vorher auch noch selbst bezahlen müsste. Kann’s also vielleicht sein, dass es sich beim hier beschriebenen Fetisch gar nicht um diese detailverliebten Bondage-Nummern handelt, sondern ganz ordinär um Kohle? Jedenfalls ist die Handlung weitaus unkomplexer als ein Disney-Movie. Am Ende sind alle finanziell abgesichert – dank seines Besitzes, meistens steht ein weißes Ross in der Garage, aber auch wenn nicht, lehnt die Reitgerte gleich daneben. Vielleicht sollte man die Verfilmung, die dieses Jahr wohl leider auch noch ansteht, einfach „Slingderella und die sieben Kabelbinder“ nennen.

Jedenfalls geht mir diese „An meine Haut lass’ ich nur Wasser und CEOs“-Attitüde gewaltig auf die Schleuder, ebenfalls diese lästige Angewohnheit der Autorin, ihre dunkle Seite unbedingt öffentlich und plakativ und international entdecken zu müssen. Meine Güte, wenn du eine dunkle Seite hast, dann leb’ sie halt aus, aber veröffentliche nicht noch ein schlechtes Buch darüber. Gute Unterhaltung hat es heutzutage eh schon schwer genug.

Meine dunkle Seite ist wahrscheinlich, dass ich keine dunkle Seite habe. Ich bin eine ganz normale, moderne Frau und meine Hobbies sind Kuscheln und den Schinken selber nach Hause bringen. Drum lautet mein Motto nicht „Sicherheitsfanatische Materialistin in liebevolle Sado-Maso-Hände abzugeben“, stattdessen „Bitte nicht füttern, aber streicheln“.

Außerdem misstraue ich den Bonzen von heute grundlegend. Irgendwie sind die heute auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher hatten die wenigstens noch Charisma und ein Hobby, wie zum Beispiel Bruce Wayne oder alternativ wenigstens Gamaschen (vgl. Dagobert Duck). Doch mittlerweile haben sie ja nur noch ihren desolaten Arbeitsmarkt und die Existenzangst anderer Leute, um sich daraus zwar wenig Autorität zu zimmern, dafür allerdings ne Menge Macht. Ehrlich, es ist echt beschämend, wer heutzutage alles Anführer oder Anführerin sein darf. Es scheint so, als würden sie ihre eigene Satireversion aus dem Fernsehen nachspielen, nur noch besser … oder schlechter, je nachdem, wie man’s halt betrachten mag. Die Detailgetreue ist – abgesehen von ein paar wenigen Improvisationen – furchteinflößend, so dass es sich streng genommen um geistigen Diebstahl handelt. Das könnte echt ne Marktlücke sein, Bonzen wegen Plagiats zu verklagen. Schließlich mussten so einige AutorInnen hart an diesem Horrorszenario feilen.

Das Grundschema ist dabei stets dasselbe. Alles, was es braucht sind eine überdurchschnittliche Menge Testosteron (auch bei Frauen), ein paar einfallslose und tot gerittene Durchhalteparolen und natürlich Koks, viel Koks. Zumindest hoffe ich, dass die auf Koks sind, auch für sie selbst. Solche Persönlichkeiten sollte niemand im unberauschten Zustand ertragen müssen, schon gar nicht, wenn’s die eigene ist.

Was diesen Menschenschlag so besonders unangenehm macht, ist deren sie penetrante umgebende Geräuschkulisse. Ständig entfleuchen ihnen ohne erkennbaren Zusammenhang 90er-Jahre-Floskeln, die schon zu ihrer Zeit nicht besonders cool waren. Ohne Vorwarnung brüllen sie einfach mal „Und nun ran an die Buletten“ oder schlimmer noch „Tschaka“. Ich halte dieses fremdschämige Phänomen jedenfalls für eine kognitive Störung, so eine Art Start Up-Tourette.

Äußerst inflationär verwendet wird übrigens das Wort „wir“. Wir können das. Wir rocken das. Wir sind eine Familie. Vollführt man für ein 75%iges Gehalt allerdings nicht dauerhaft 150% monotone Leistung, dann ist man ganz schnell wieder beim „du“ und manchmal ist man obendrein sogar gefeuert.

Das alles wäre vielleicht noch zu ertragen, wenn es nicht so unglaublich schlecht gemacht und durchschaubar wäre. Aber so findet man sich immer wieder in unsinnigen Meetings – die nur durch die kollektive Genervtheit der Angestellten halbwegs erträglich wird – und muss sich dieses würdelose Naturschauspiel antun, wie ein herablassender BWLer verbal auf seinen Pheromondrüsen herumschrammelt, die, wenn man’s in Melodie übersetzen würde, nicht inhaltsreicher oder rhetorisch wertvoller wäre als ein Malle-Party-Sampler. Und zu allem Überfluss ist man sich ebenfalls bewusst, dass genau diese Szene genau in diesem Moment noch abertausend und abermillionenmal in Marketing-Buden quer über den Globus stattfindet. Das machts nicht nur zu einer Sternstunde der Hohlphrasen, sondern ebenfalls zu einer der Beliebigkeit. Und so etwas hat doch wohl einfach niemand verdient oder liege ich falsch, Tagebuch.

Aber nichtsdestotrotz, tauschen will ich mit diesen egomanen Kokshörnchen auch nicht, Wohlstand hin oder her. Die sind mir charakterlich einfach zu übersichtlich strukturiert und Zeit, um sich „Breaking Bad“ reinzuziehen oder Tagebuch zu schreiben haben sie auch nicht, selbst, wenn sie es wollten. Außerdem kennen sie viel zu wenig andere Themen als sich selbst und Kapitalismus. Nee nee, wenn es schon so sein soll, dass in dieser Welt offenbar größenwahnsinnige Pantoffeltierchen mit Lachsschnittchen gefüttert werden, dann bin ich trotzdem lieber das Lachsschnittchen.

Apropos Lachsschnittchen: Edgars Salmonellenvergiftung. Ich muss dann mal wieder. Außerdem bin ich eh schon geschwätzig genug, auch ohne diese ganze Lektüre hier. Wenn ich jetzt noch mehr Wörter lerne, will mich irgendwann gar kein Mann mehr heiraten.

In diesem Sinne: Ich drück‘ dich Tagebuch und nun mach‘ dir bitte ne schöne Woche

Herzallerliebst, Celebrity Jane

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