#09 …Diese Salmonellen wurden von einem eiBROT© versendet… (1)

(Celebrity Jane)

 

Liebes Tagebuch,

ach du Kacke, Edgar ist krank. Seit Stunden jammert er selbstbezogen vor sich hin, ist wegen dem ständigen Zwieback zwischen den Zähnen kaum in der Lage , mit seiner Umwelt zu kommunizieren und hält die Fähigkeit, alle Monate zu kennen und das auch noch in der richtigen Reihenfolge, für eine Inselbegabung. Wie jedes Mal tippt der alte Hypochonder auf seine Lieblingskrankheit Autismus. Seine schwatzhafte Magen-Darm-Tätigkeit und das abgelaufene Eibrot von neulich behaupten hingegen anderes, davon will Edgar allerdings nichts hören.

Ich weiß nicht genau, liebes Tagebuch, ob wir uns schon kannten, bevor den wehleidigen Schlumpf sein eigenes Immunsystem das letzte Mal flachgelegt hat. Wenn nicht, dann sei gespannt … und stark. Ich kann nur sagen, erst seit Edgars Bazillenperformance habe ich verstanden, was die damals im Biologieunterricht mit halbseitigen Membranen gemeint haben, denn das Prinzip hier war genau dasselbe: man schippt jede Menge Nettigkeiten in ihn hinein, aber keine einzige kommt raus. Das Gleiche gilt für den Modus Aufmerksamkeit. Ob ich ihm von meinem Tag erzähle, was vorsinge oder einfach nur den Pürierstab anschalte – Captain Osmotic reagiert mit Ignoranz in seiner eloquentesten und lautesten Ausführung.

Diesmal habe ich leider weder Lust noch Zeit für dieses Tänzchen und darum beschlossen, nur die nötigsten Geräusche zu machen und den Rest soll gefälligst die Repeat-Taste erledigen. Im Klartext bedeutete das, dass ich ihm einfach etwas auf Tonband las, vorzugsweise ein Buch; das könnte sich gleich vorteilhaft auf seine Bildung auswirken. Und davon könne man schließlich gar nicht genug haben … so hörte man zumindest überall.

Meine Überlegungen führten mich in eine dieser Massenbuchhaltungen. Du weißt schon, Tagebuch, eins von diesen Etablissements, in dem man sich früher die Pflichtschullektüre abgeholt hat und noch in D-Mark bezahlt hat. Später hing ich eigentlich nur noch dort ab, um kostenlos Musikmagazine zu lesen und irgendwann beschränkte ich meine Besuche ausschließlich auf die Weihnachtszeit, wo ich vor dem Bestseller-Regal per Abzählreim Geschenke für die Familie aussuchte.

Dementsprechend planlos gestaltet sich jetzt meine Rückkehr. Zur Orientierung mache ich das, was ich immer tue, wenn ich nicht so recht weiß und folge der Person mit dem mir am vernünftigsten erscheinenden Haarschnitt. Meine Wahl fiel auf das bicolore Gefieder einer durchsetzten Mittvierzigerin, die stoisch bis mürrisch einen getigerten Hackenporsche hinter sich her zog. Ich denke mir einfach, wer es schafft zu einer Frisur gleich zwei Haarfarben, obendrein aus unterschiedlichen Spektralbereichen, rauszuhandeln, der muss irgendetwas begriffen haben, was uns Normalsterblichen nicht zugänglich ist. Geistesgegenwärtig nehme ich also die Fährte auf, werde aber schon einen Gang weiter von einem Doppelkinderwagen aus der Bahn gestolpert und konnte meiner Mentorin nur vom Boden aus zuschauen, wie sie in der Ferne und in der Abteilung für Kochbücher davonschwob. So sollte ich ihr Geheimnis also nie erfahren, fand aber leider etwas anderes heraus, als ich mich wieder aufgerappelt vor einem Sachbuchregal wiederfand.

Viele haben ja gehofft, er sei wieder auf seinen Heimatplaneten „Vom-Prinzip-her-Zehlendorf“ hinab gebeamt worden. Aber nüscht, da isser wieder: Der baumquälende Zeitverschwender, der Doktorvater aller Pseudowissenschaftler, der Borat aus der Bourgeoisie oder wie ich ihn gerne einfach nenne – Thilo Sarrazin.

Falls ich mich nicht verinnere, war es 2010, als der alte Muselmaniac sein erstes Pamphlet herausbrachte und damit diesen Lauwarmen Krieg vor meinem Neuköllner Fenster zwischen Sarrazin und Sarrazän entfachte, der sich wohl erst in den Schlaf scharmützelt haben sollte, wenn einer weint oder der andere okzidiert. Boah, was habe ich mich damals in Stellvertretung vor meinem Dönermann und im Späti geschämt.

Später erfuhr ich, dass wohl auch die Uckermark genetisch betrachtet nicht gerade zu den hellsten Knöpfen in der deutschen Intellektuellen-Dose gehören sollte. Das war echt ungünstig, denn da komme ich ja schließlich immer noch her und geriet ständig in Erklärungsnotstand. Wie sollte ich den Leuten bitte mein Abitur und vor allem meine äußerst gut sortierte Plattensammlung beibringen?

Auf der anderen Seite empfand ich dieser Tage dennoch ein zugegebenermaßen euphorisierendes Gefühl der Macht. Fassen wir’s mal zusammen, ich wurde in Schwedt sozialisiert, in Neukölln rehsozialisiert (sic!), ich war im Besitz eines fruchtbaren Schoßes (in einer Girl Band wäre mein Pseudonym wahrscheinlich Fertility Spice) und hatte keinerlei Skrupel, diesen auch zu benutzen… kurzum: Ich bin Sarrazins dümmster Albtraum. Bei näherer Betrachtung allerdings finde ich den Gedanken schon ziemlich eklig und erniedrigend, wenn die einzige Superheldenkraft, die mir als offenbar genetisch instabilem Menschenweibchen zugetraut wird, das Talent des spontanen Gebärens sein soll.

Weil er sich so gut damit auskennt, geht’s auch in Sarrazins neuestem Buch um politische Korrektheit und dass er sie doof findet. Ich muss zugeben, Letzteres ist bis jetzt reinste, persönliche Spekulation, weil ich glaube, ein Muster erkannt zu haben, dass er nur über etwas schreibt, wenn er’s doof findet. Hätte ich die Möglichkeit, ihm auch nur eine Frage zu stellen, würde ich wahrscheinlich wissen wollen, was er eigentlich mag.

Jedenfalls habe ich mich wirklich nicht geirrt – political correctness, wenn’s unbedingt sein muss, dann aber nicht mit Thilo Sarrazin. Etwas besorgt muss ich aber zugeben, dass ich mit dem Grießknoten aus Gera da zum Ersten mal d’accord bin, sei es auch aus anderen. Ich glaube nämlich, der meint, der moralische Maulkorb sei das einzige bis dato das einzige Gegenargument zu seinem halluzinösen Fabulieren nach Schubladen und wenn der fiele, hätte niemand mehr Hemmungen, ihm zuzustimmen und der Starschnitt und die Hallentournee könnten auch endlich in Angriff genommen werden.

Ich hingegen halte politische Korrektheit ja eher für eine joviale Disney-Verfilmung des Satzes „Die Geschichte wird von Siegern geschrieben“. Zwei einigen sich, einen Dritten „nett“ zu behandeln, aber nur, damit man ihnen im Umkehrschluss nicht ans Bein pinkeln kann. Was scheinbar aber nie in diese Verhandlung eingeflossen ist, ist die Überlegung, dass Menschen zuweilen auch einfach so „nett“ sind, ohne direkte Strafandrohung.

Und überhaupt, kann es sein, dass einem heutzutage dieses sogenannte applauspflichtige Gutmenschentum untergejubelt wird als das, was früher mal als ganz selbstverständlicher Respekt bekannt war? Oder um es auf heutisch auszudrücken: Ist da etwa die kostenfreie, soziale Grundausstattung zur zahlpflichtigen App geworden?

Aber egal, ich merke grade, in der Sachbuchabteilung wird das nichts mehr. Außerdem ist mein IQ für heute fast aufgebraucht, deshalb mache ich jetzt lieber Schluss, bevor ich wieder alle Buchstaben vergesse.

Falls was ist, meld’ ich mich noch mal und bis dahin einen schönen Feierabend wünscht

Celebrity Jane

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