#08 …Je Schwedter der Abend…

(Edgar)

Nabend Tagebuch,

boah, ich könnte kotzen, aber bestimmt nicht vor Freude. Celebrity Jane betrügt mich komplexe Vergnügungsfabrik in Berlin schon wieder mit der anderen komplexen Vergnügungsfabrik in der Uckermark, nämlich Schwedt. Seit ihr Elternhaus ne Fußbodenheizung und nen Großbildfernseher hat, ist sie aus der Toskana der nördlichen Hemisphäre gar nicht mehr wegzukriegen. Außerdem hat sich ihre Mutter nun auch noch beigebracht, Sushi selbst zu machen und irgendwie scheint sie da echt begabt zu sein und hat sich in kürzester Zeit zu einer Art weiblichem Walter White aus „Breaking Bad“ entwickelt. Nur erfolgsexperimentiert sie eben nicht mit Crystal und Meth sondern mit Reis und TK-Lachs, manchmal auch additiv mit ein paar Gewürzgurken.

Der einzige Leidtragende bin natürlich ich, der sich hier in Berlin so vor sich hin langweilt und auf ein Zeichen ihrerseits wartet. Zu allem Übel hat sie sich allerdings in den Kopf gesetzt, aus ökonomischen, ökologischen und datensicherheitlichen Gründen von der E-Mail auf Flaschenpost umzusteigen und druckt die fertigen Mails lieber vorher aus, um sie jeden Nachmittag (außer sonntags) pünktlich um 14.45 in leeren Weinflaschen oder Bierdosen in die Oder zu kippen. Wie du dir vorstellen kannst, Tagebuch, habe ich aber weder Zeit noch Bock jeden Tag mit der U-Bahn aus Neukölln nach Meck-Pomm zu gurken, um dort mit einer selbstgebastelten Konstruktion aus Besenstil und einer alten Feinstrumpfhose meine Post und manchmal auch nur SMS aus der Ostsee zu fischen. Deshalb habe ich beschlossen, einfach so lange zu warten, bis sie endlich anruft.

Wenigstens einen Vorteil hat die Sache. Solange die gelockte Dunkelelfe in den PDS-Staaten Polen-Deutschland-Schwedt verweilt, kann ich hier meiner stillen Sucht frönen, bei der sich Celebrity Jane so gern sicher sein will, dass sie längst verstummt ist. Ja, mir ist insgeheim immer noch voll danach, Berühmtheit mit Talent zu erlangen und nicht bloß durch schnöde Persönlichkeit.

Nachdem ich jetzt – eine halbe Stunde später –  die Stellenanzeigen diverser Klatschmagazine gewälzt habe, fürchte ich, dass ich wohl doch auf den Tag hoffen muss, an dem man ein festes Gehalt einfach dafür bekommt, dass man die Welt nicht noch schlechter macht, als sie sowieso schon ist.

Die unzumutbarsten Stellenkriterien sind dabei übrigens nicht etwa Stepptanzkenntnisse oder der Führerschein Klasse B, denn darüber habe ich schon jeweils was im Fernsehen gesehen.

Nein, was mich stark verwirrt, ist dieser neue Modesport, dem zwar alle nachgehen, der aber leider keine einzige Kalorie verbrennt. Dem der Authentizität nämlich. Man könnte auch einfach nur Echtheit sagen, aber ich glaube, die Leute benutzen diesen verklärenden Fremdwortfilter sehr gern, weil das Wort ohne diesen ganz schön Angst einflößend und vor allem nach Arbeit klingt. „Sei einfach du selbst“ ist jedenfalls der schmissige, dazu gehörige Slogan. Ich glaube spätestens jetzt ist klar, liebes Tagebuch, dass Authentizität (ganz im Gegenteil zu Autismus) nichts für mich ist. „Sei einfach du selbst.“ – mal echt jetzt, ich bin so langweilig, wäre ich den ganzen Tag ich selbst, würde ich einschlafen. Deshalb muss ich da aus reinem Egoismus einfach mal Prioritäten setzen.

Außerdem finde ich es äußerst kurios, dass es im Deutschen kaum ein Wort gibt, das so oft falsch geschrieben oder ausgesprochen wird wie eben ausgerechnet die erwähnte ‚Authentizität’. Gerne die, die sie am vehementesten von anderen verlangen, verlangen sie meist in reduzierter Form als Authenzität. Also wie glaubhaft ist das denn bitte, wenn jemand von mir Ehrlichkeit und eine damit automatisch verbundene freiwillige Verletzlichkeit rausmoralisieren will, wenn er sich noch nicht mal die Mühe macht, mich vollständig wahrzunehmen, und zwar inklusive meines ganz persönlichen –ti-’s.

Und überhaupt, im Endeffekt sind wir doch alle nur ein mehr oder weniger sozialisiertes Ameisenhäufchen DNA, das um seine Schwachstellen ahnt und sie deshalb auf kreative und möglichst subtile Art zu überspielen versucht. Woher wollen wir also so genau wissen, dass Authentizität ausgerechnet die Pflicht ist, in jeder Situation man selbst zu sein und nicht etwa das Recht, den Grad der eigenen Künstlichkeit frei wählen zu dürfen?

Huch, soeben wurde mein Telefondisplay von einer Schwedter Vorwahl erleuchtet. Ich hoffe, es ist die von Celebrity Jane. Außerdem habe ich das baldige Bedürfnis, mich hinzulegen, um dann mehrere Male in der Nacht wieder aufzustehen. Ich habe mir heute ein Eibrötchen gekauft und jetzt ist mir schlecht. Mir scheint, obwohl ich nur einen kurzen Moment Sättigung erwerben wollte, habe ich gleich einen längeren Moment Übelkeit dazu bekommen. Das also zum Thema, ob Nachhaltigkeit immer was Positives sein soll.

Aber egal, gute Nacht, Tagebuch und bis die Tage, ne.

Edgar

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