#07 …When Will Ed, Will Ed Be Famous…

(Celebrity Jane)

Liebes Tagebuch,

erschrick nicht. Was du gerade vernimmst ist nicht etwa Broadway Flair, sondern Edgar, der wieder eine neue Figur für seinen Jazzdance-Kurs probt, diesmal die Hechtrolle (Notiz an mich selbst: neue Sorte für’s Friesensushi). Ich muss schon zugeben, dass mir in meinem zweiten X-Chromosom ganz krabbelig wird beim Anblick dieses Astralkörpers. Mutter Natur hatte ihn extra auf breit gezoomt, damit man ihn auch aus der Entfernung gut sehen kann. Und wer bis jetzt geglaubt hat, ein türkiser Body mit gelben Punkten würde irgendwie albern aussehen, Edgar beweist, dass man auch das mit Stil tragen kann. Der Trick ist ganz einfach, ihn mit einem strassbesetzten Stirnband zu kombinieren.

Jedenfalls sollte ich mir bei Edgar alles weggucken, solange es noch geht, nächste Woche hat er eh schon wieder ein neues Hobby, und wenn ich Pech habe, ist es nicht so körperbetont, wie zum Beispiel Imkerei oder humoristischer Telefonsex.

Aber was auch immer es werden sollte, ich sollte dankbar sein, dass er es nur als Hobby betreibt und nicht sofort wieder versucht, eine Karriere draus zu basteln. Ja, es dauerte so seine Zeit, bis Edgar eingesehen hat, dass auch er einer dieser untalentierten Menschen ist, die zwar alles ein bisschen konnten, aber nichts wirklich gut genug und er seinem großen Traum, berühmt zu werden auch ohne künstlerische Berechtigung erreichen musste.

Dabei würde ich es diesem Traumtänzer so gönnen. Sobald er damals in der Grundschule alle Buchstaben gelernt hatte, setzte er einen Vertrag auf, in dem er seine Banknachbarin Britta Spieß als Ghostwriterin für seine erste Autobiografie mit dem Titel „Berufswunsch: Edgar Pflaume (prominent)“ verpflichtete. Sie hatte von beiden einfach die schönere Mädchenschrift.

Die ersten Schritte auf dem Parkett des Showbiz versuchte Edgar – Oh Wunder – als Schauspieler. In Talkshows darstellte er sich binnen weniger Monate vom Fragensteller im Publikum empor auf die Bühne als Kandidat. Hier konnte er sein gesamtes nicht existentes Potenzial zeigen, indem er sich an verschiedenen Rollen abarbeitete, wie man so auf intellektuellisch sagt. Dabei gab Edgar den inzestuös anmutenden Halbbruder von jemandem aus Westbrandenburg genau so wenig überzeugend wie einen 16jährigen Realschüler aus NRW, der schon einmal gekifft hat und deshalb jetzt schon irgendwie mitreden konnte. Als er dafür einmal zuviel ausgebuht wurde, verließ er auf eigenen Wunsch und dem aller anderen die Theaterbühne, um sich der nächsten unterschätzten Kunstform zuzuwenden.

Edgar beschloss, wenn er sich schon die Mühe gemacht hatte, das ganze Alphabet zu lernen, dann könnte er auch gleich Schriftsteller werden, oder was er darunter verstand: Musical-Autor. Aus nicht ganz unverständlichen Gründen war er dem Irrtum aufgesessen, es brauchte dazu nicht mehr als ein paar Tänzer und einen Begriff respektive Namen, an den man nur „- das Musical“ anhängen müsse. „Milch erwärmen – das Musical“, „Photosynthese – das Musical“, „Helmut Schmidt – das Musical“, die Liste war schier endlos, aber leider scheiterte er beim Pitchen immer schon bei der ersten Frage, nämlich „Worum geht’s?“ Schnell war dieses Kapitel also auch wieder abgehakt.

Es folgte die Musikerkarriere. Mit seiner Ein-Mann-Indie Punk-Band „Models with Problems“ reiste er durch die ganze Republik von einer Après-Ski-Party über Mittelaltermärkte bis zum nächsten Dorfbums. In seiner zweiten Autobiographie „Ruhm ist mir mittlerweile egal, C-Prominenz reicht mir völlig“ habe ich gelesen, dass wir in den 90ern zufällig einmal auf dem gleichen Scheunenfest in der Nähe von Schwedt waren. Edgar spielte vor den Toiletten. Leider hatte ich an diesem Abend nichts getrunken, weswegen bei mir jenes menschliche Bedürfnis ausblieb und wir uns deshalb erst Jahre später kennenlernen durften bis mussten.

Mit im Gepäck hatte er seine erste und letzte Produktion: „Die einzige EP, die ihren Namen wirklich verdient hat. Gez. Edgar Pflaume“. Damit hatte er seine Initialen gemeint, aber keiner hat den Gag verstanden. Vielleicht auch besser so. Auf diesem Meisterwerk des Nichtkönnens lieferten sich fünf Songs ein kakophones Stelldichein, darunter die beiden Midtempo-Nummern „Zu reich zum Kellnern“ und „Napoleon, komm doch einfach näher, dann siehst du gleich viel größer aus“ sowie „Heart’s Fear“, die inoffizielle Hymne auf die Jobcenter’sche Anbiederungsvereinbarung. Jedenfalls schafften diese Töne des Terrors das Unglaubliche, nämlich Edgar noch unbekannter zu machen.

Sein nächster Karriereschritt führte ihn sehr zum Leidwesen desselbigen zurück ins Fernsehen. Im Shoppingkanal des „Bielefelder“ Regionalfernsehens hatte er eine 40-Stunden-Festanstellung (m/w) als Moderator angenommen und war kurze Zeit Anchorman/woman der Wahrsage- und Horoskop-Show „Wetten, dass nicht…?! – der kosmische Spoiler-Alarm“. Als das Universum über „Bielefeld“ allerdings beschloss, dass auch das zum Scheitern verurteilt sein sollte, probierte er mal was ganz, ganz Anderes.

So versuchte er es als C-Promi-Quereinsteiger einfach über die politische Laufbahn. Gleich am Abend seiner Entlassung als Show-Unterhalter schickte er eine Online-Bewerbung an ein südamerikanisches Land (das aus Schamgefühl hier nicht namentlich genannt werden möchte), das gerade via die Social Media einen neuen Militärdiktator suchte und wurde nach dem sich anschließenden Assessment Center und persönlichen Vorstellungsgespräch auch prompt genommen; sei es auch nur ob seines doch sehr ausgeschmückten Lebenslaufs. Leider sollten er und seine Gegner bald mal mehr mal weniger schmerzlich erfahren, dass er doch arg geflunkert hatte, als er sich meisterliche Martial Arts-Kenntisse in die Vita gepinselt hatte und dabei aus Langeweile nur mal einen Wochenendseminar in Capoeira an der Volkshochschule belegt und nur knapp bestanden hatte. Tja, und danach kam halt – wie wir alle wissen – der Call Center-Job.

Aber trotz aller Untalentiertheit gibt er eben nicht auf und das macht ihn so sympathisch. Immer noch träumt er den großen Traum von der C-Prominenz und vom eigenen Bahnabteil der Linie U8 mit getönten Scheiben und Platz für ein Fahrrad. Er hat zwar gar keins, aber Unnötigkeit, nicht Zweckmäßigkeit kleidet die Dekadenz, ne?!

So Tagebuch, das war’s für jetzt. Ich muss Edgar mit einer glitzernden Dose Pailletten ablenken, denn er brütet gerade über einer neuen literarischen Idee – Celebrity Jane Schröder – das Musical.

Aufs Baldigste sowie aufs Blumigste, Celebrity Jane

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