#06 …Erst die Armut, dann das Vergnügen…

(Edgar)

 

 

Liebes Tagebuch,

hach, Celebrity Jane, sie sieht so süß aus, wie sie auf dem Platz neben mir gerade wieder versucht, mit ihren Geschäftsideen unerkannt die Weltwirtschaft an sich zu reißen. Man kann es nicht anders sagen, sie ist wirklich ein BWL-Naturtalent. Schon als ich sie kennenlernte, verdiente sie sich Geld dazu, indem sie zur Klausuren- und Gesangskontrollen-Saison vor den städtischen Gymnasien rumlungerte und Drückebergern gegen Geld mit den Grippeviren ins Gesicht nieste, die sie sich vorher fleißig antrainiert hatte. Wochenlang hatte sie auf Rotwein verzichtet, um nicht zu viele Vitamine zu sich zu nehmen; außerdem föhnte sie sich jeden Morgen die Nasenschleimhäute, um sie durch Austrocknung anfälliger für die Viren zu machen. Ich bin mir sicher, die kleine Businessmaus wird noch mal ganz groß rauskommen.

Was mich betrifft, bin ich da wesentlich unambitionierter. Aus Geld mache ich mir nichts, Prominenz wäre mir vollkommen genug. Und wenn man es sich mal ganz genau betrachtet, dann ist Reichtum doch nur eine gesellschaftlich akzeptierte Ausrede für die eigene Fantasielosigkeit. Wohlstand kann schließlich jeder, aber das Pleitesein, das muss man kreativ gestalten. Einen Millionenroman mit unbegrenzter Seitenzahl schreiben kann ja auch jeder, aber seinen Alltag zu Metren des Mindestlohn-Sonetts zu tanzen, da muss man erst mal drauf kommen und mal ehrlich, Tagebuch, wahre Kunst lebt von Restriktionen.

Ich persönlich bin ja für Verzicht nicht so gebaut. Mal ehrlich, Sparen ist doch was für Anfänger, die Kunst besteht stattdessen darin, einfach langsamer zu verschwenden. Wenn ich Urlaub hatte, versuchte ich mich konsequent zu langweilen, dann musste ich das Hotel nur für eine Woche bezahlen, es kam mir aber trotzdem vor wie zwei. Sushi aß ich ausschließlich mit Messer und Gabel und Boxhandschuhen, damit es üppiger wirkte. Und wenn mir mal wieder nach einer langen Berliner ElectroClubnacht war, stellte ich in der Küche einfach das Radio an, daneben den Schleudergang der Waschmaschine und lehnte mich mit einem Bier vom Späti bis morgens um sieben gelangweilt in die Ecke. Der Erlebnisfaktor war also in etwa derselbe, nur brauchte man nicht unnötig in Eintritts- und überteuerte Getränkepreise zu investieren.

Das mit der Prominenz wird dann auch noch irgendwie kommen. Die Voraussetzungen dafür sind optimal. Ich habe in meinem Call Center-Job schließlich überregionale Reichweite und bin mit meinem Gesang schon auf so manchen Anrufbeantwortern dieser Republik gelandet, wenn auch meistens unfreiwillig, weil ich beim gedankenverlorenen Mittuten des Anwahlzeichens in meinem Tran nicht mitbekommen hatte, dass die Mailbox schon vor 30 Sekunden angesprungen war. Außerdem war ich mittlerweile virtuos darin freihändig und nur mit Headset zu tanzen. Jede Boyband würde mich also mit Kusshand aufnehmen. Und den Grammy, naja den sitze ich einfach aus. So wie alle anderen halt auch.

So denn, Tagebuch, muss wieder. Schönen Tag noch und lass die Hosen an.

Beste Grüße, Edgar

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