#02 …Edgar Rising…

(Edgar)

Liebes Tagebuch,

gibt es eigentlich ein Leben vor dem Tod? Seit geraumer Zeit stelle ich mir diese Frage, genauer gesagt seit dem Tag, als mich mein Kontostand nur mit einem Päckchen Tabak, einer gültigen Studienbescheinigung und einem ehrlich verdienten Rotweinkater auf den Stufen dieses Call Centers ablegte.

Ab da bespaßte ich hier in der Asperger Puppenkiste die deutsche Bildungsschickeria mit meinem übersichtlichen Charme und war dabei gar nicht so unerfolgreich. Leider. Denn wenig ist so deprimierend wie das Kompliment, geradezu prädestiniert für den Job eines Call Center-Mitarbeiters zu sein.

Noch vor Kurzem hatte ich mich mit Leidenschaft dem Studium der Meeresbiologie verschrieben, doch verweigerte mir mein Vater seit letztem Sommer die finanzielle Unterstützung. Diese Nachricht hatte mich echt überrascht, obwohl ich es eigentlich hätte kommen sehen müssen. Seit dem ersten Semester führte mein Vater mit seinen Subventionen für diese maritime Wissenschaft nur eins im Schilde: Ich sollte eines Tages den familieneigenen Fischimbiss gegenüber vom Bahnhof übernehmen. Hingegen ich träumte nur von einem, nämlich eines Tages als Meerjungfrau zu arbeiten. Vati konnte diese extravagante Neigung nie akzeptieren. Er hielt sie für krank, eklig und heilbar. Mein Schwulending fand er allerdings voll okee.

Davon erzählte ich immer wieder meiner Call Center-Banknachbarin und Arbeitskollegin Celebrity Jane. Boah, was für’n bekloppter Name, aber dafür hatte sie ein echt niedliches Gesicht.

Wir hatten uns eines Tages in der Gesindeküche kennengelernt. Während der Kaffee durchlief, lieferten wir uns einen Wettkampf darüber, wer mehr Wörter mit dem Anfangsbuchstaben P kannte. Celebrity Jane gewann haushoch, dafür hatte ich immer noch die längeren Haare.

Überhaupt schien es, als wäre sie kurz nach ihrer Geburt in einen riesigen Kessel Buchstabensuppe gefallen. Sie konnte schneller reden als das Licht und wirkte sie alles in allem wie eine windschiefe Konstruktion aus dem Bambi-Phänotypen und viel zu viel Feuilleton. Sie kannte alle Bands der Welt beim Namen, außer einer, und das war Queen, hatte sie mir einmal erklärt. Und irgendwie musste ich ihr das einfach glauben.

Celebrity Jane war generell etwas selbstbezogen, aber zu mir war sie anders. Liebevoll pfriemelte sie mir die Haare frei, wenn sie sich mal wieder in einem der Headsets verfangen hatten. Und wenn ich wieder einmal auf Diät war, puhlte sie mir mit autistischer Akribie die Schokoladenstückchen aus dem Stracciatella-Eis, falls mich der Hunger bereits zu sehr geschwächt hatte, um dies selbst zu erledigen.

Ja, mit meiner Figur hatte ich mich etwas. Es war nicht so, dass ich besonders mollig war, aber auch nicht gerade das, was man als mager bezeichnet. Kurz, ich bin das, was ich persönlich gemeinhin als Magermolly bezeichne. Zu dick, um einen neidischen Aal in die Magersucht zu treiben und zu dünn für gesundes Haifischfutter.

Also was bleibt mir anderes übrig,  als zu erkennen: Nach der Diät ist vor der Diät. Vielleicht probier’ ich nächste Woche wieder eine neue aus. Eine Idee hab’ ich da schon. Aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.

In diesem Sinne bedanke ich mich, Tagebuch, dass du dir die Zeit genommen hast und wünsche noch einen schönen Feierabend.

Auf Wiederhören, Edgar Pflaume

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