#01 …Agony And Irony Live Together In Perfect Harmony…

(Celebrity Jane)

Liebes Tagebuch,

mein Name ist Celebrity Jane Schröder, und damit fängt die ganze Kacke auch schon an. Ich frage mich sehr oft, was sich meine Eltern eigentlich dabei gedacht haben. War es einfach nur Boshaftigkeit oder trieb sie insgeheim der Neid auf meine schon damals überdurchschnittlich ausgeprägte Niedlichkeit? Ich meine, was soll das? Schließlich werde auch ich eines Tages 50 sein. Spätestens dann heißt es Helmut Schmidt statt Chuck Norris, Andrea Berg statt PJ Harvey und die CDU werde ich auch aus Überzeugung wählen und nicht aus Protest, so wie sonst immer. Mein Vorname wird allerdings nach wie vor in den pinken Stiefelchen einer Achtjährigen stecken, die auf einer US-amerikanischen Kinder-Talent-Show als freches Cowgirl mit spastischer Entertainermimik „I Never Promised You A Rose Garden“ zum Besten gibt.

Meinen Kindern werde ich dieses Elend jedenfalls ersparen. Sie sollen es mal besser haben als ihre Mutter und nicht dauernd gefragt werden, wie der Bachelor oder Rolf Eden eigentlich so privat sind. Nach langem Überlegen habe ich mich deshalb entschieden, wie ich meine Kinder einmal nennen werde, nämlich Kind A und Kind B. Kind A wegen meines Lieblingsalbums von Radiohead und Kind B, weil ich die Idee mit dem Doppelnamen gar nicht so schlecht finde.

Aber vorher muss ich mich erstmal um mich selbst kümmern. Ich habe mir vorgenommen, mich möglichst inkognito durch mein Leben zu leben. Zum einen trage ich immer noch diesen höchst bekloppten Namen und jede neue Bekanntschaft könnte jemand Neuen bedeuten, der sich darüber lustig macht. Zum anderen bin ich – wie schon erwähnt – ganz unverschämt niedlich und muss dringend weg von draußen. Die hassen mich da eh schon wegen meinen bezaubernden Rehaugen und meinen Grübchen. Wenn ich jetzt noch zu lange auf der Straße rumlaufe und mir die Sonne meine zugegebenermaßen entzückenden Sommersprossen ins Gesicht pinselt, isses wahrscheinlich ganz aus und der neidische, unniedliche Pöbel könnte sich nicht länger beherrschen und würde mich töten. Aus diesen Gründen nahm ich damals eine Arbeitsstelle an dem Ort an, wo keine Sonne scheint und keine lohnenswerte Karriereleiter hinwächst, nämlich im Call Center. Zudem bin ich seit ein paar Semestern eigentlich nur der Form halber an der Universität eingeschrieben und brauchte langsam dringend Geld (Das sollte ich vielleicht dazu sagen.).

Jedenfalls verbringe ich seitdem tagein tagaus damit, als „Ja einen wunderschönen guten Tag, mein Name ist Frau Schröder“ Abonnements einer konservativen Tageszeitung zu verkaufen. Das ist zumindest der Plan. Eigentlich werde ich aber mit jedem Tag nur virtuoser darin, Absagen zu kassieren. Ich sag’ dir Tagebuch, gäbe es eines Tages eine Biographie über mich, ihr Name wäre „50 Shades Of No“.

Dafür läuft es sozial ganz gut. Schuld daran ist vor allem mein Kollege Edgar Pflaume. Mann Mann Mann, was war ich am Anfang verknallt in den Typen. Er war so attraktiv und geistreich. Wär’ der ein Tier, dachte ich damals so bei mir, dann bestimmt ein Hirsch, die perfekte Symbiose aus Hirn und Arsch. Dann fand’ ich heraus, dass er gar nicht auf mich, sondern auf Männer steht und sein Charakter dem meinen sehr ähnlich war. Vor allem letzteres war ein echter Abturner.

Dennoch hatten uns unsere deprimierenden Gemeinsamkeiten im Laufe der Zeit in eine Art Zweckseelenverwandschaft getrieben. Schließlich kommen wir beide nur zur Arbeit, um zu Hause Kaffee, Heizung und Klopapier zu sparen (ach seien wir doch ehrlich!). Darüber hinaus haben wir mangels Abschluss gerade auch gar nicht viel mehr Möglichkeiten, unsere Miete zu bezahlen. So gesehen waren wir zwei leicht abzulenkende, koffeinbetriebene Katzenkinder, die wie alle anderen auch viel lieber mit Kaschmirwolle spielten, denen das Leben im Moment aber leider nur Polyester zuwarf.

Und doch muss ich irgendwie zugeben, dass ich die Fahrt mit Edgar im Gepäcknetz des Existenzminimums reizvoller finde als ich mir das Leben ohne Edgar in der Business Class vorstelle. Ich würde natürlich lieber einen Heiratsantrag von Sirius Black ausschlagen, bevor ich das zugäbe, aber doch: dieser launische, wohlgeformte Kobold hat sich über die Jahre in mein Herz gerauft und mir dabei buchstäblich jedes Haar einzeln gekrümmt. Jaja, du staunst, liebes Tagebuch, aber bevor ich Edgar kannte, war diese Frisur, die heutzutage anmutet wie ein nikotinbrünetter Blumenkohl noch glatt wie Bohnenstroh.

Aber nun, ich muss jetzt Schluss machen, es ist gleich fünf. Da fängt das Internet an.

Tagebuch, ich drück dich und freu mich auf ein Wiederlesen.

Herzallerliebst, Celebrity Jane

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